Islam

Schweizer Imamin weiht liberale Moschee in Berlin ein – warum das in der Schweiz nicht geht

Gilt als «erste liberale Moschee»: die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee von Imamin Seyran Ates (im weissen Gewand). Elham Manea (grünes Gewand) predigte zur Eröffnung.

Gilt als «erste liberale Moschee»: die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee von Imamin Seyran Ates (im weissen Gewand). Elham Manea (grünes Gewand) predigte zur Eröffnung.

Die Schweizerin Elham Manea weiht eine liberale Moschee für Frauen und Männer ein. Warum das in der Schweiz noch nicht geht.

Eine Frau als Imamin – für konservative Muslime klingt das ungefähr so absurd, wie für konservative Katholiken, die man nach der Priesterweihe von Frauen befragt. Nicht einmal die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids), die hierzulande die meisten gläubigen Muslime vertritt, behandelt das Thema Imaminnen offensiv. Und der kleine, umso umstrittenere Islamische Zentralrat IZRS lässt keinen Zweifel an seiner Sicht zum Verhältnis Mann-Frau: Auf seiner Website thematisiert er vor allem zugelassene Sexualpraktiken.

Dabei haben Schweizer Musliminnen längst die Initiative ergriffen. An vorderster Front Elham Manea, jemenitisch-schweizerische Politikwissenschafterin an der Universität Zürich und Aktivistin für einen liberalen Islam. Im Herbst 2016 half sie bei der Aktion «Offene Moschee Schweiz» mit. Seither organisiert Manea Freitagspredigten mit weiblichen Vorbeterinnen. Und nun war sie dabei, als letzten Freitag in Berlin in einem gemieteten Nebenraum einer protestantischen Kirche die deutsche Muslimin und Buchautorin Seyran Ates die Ibn-Rushd Goethe Moschee eröffnete. Hier sollen Frauen an der Seite von Männern als Imaminnen Predigten halten vor Mitgliedern beider Geschlechter.

Das mediale Echo war gross. Gläubigen aller Richtungen innerhalb des Islam soll die Moschee offen stehen, auch Anders- oder Nichtgläubigen und sogar Homosexuellen. Nur bei vollverschleierten Frauen hört die Toleranz auf. Sie haben keinen Zutritt.

Elham Manea analysiert radikale Islamisten in der Schweiz  (2013)

Elham Manea analysiert radikale Islamisten in der Schweiz (2013)

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Frauen in Hinterzimmern

Gegenüber der «Nordwestschweiz» nennt Elham Manea das Ziel ihres Engagements: «Wir wollen, dass Frauen als Imaminnen anerkannt werden, nicht nur in Deutschland.» Manea und ihre Mitstreiterinnen verstehen sich als Teil der globalen Bewegung «Inclusive Mosque Initiative». Von ihr forcierte Anliegen nahmen ihren Lauf bereits vor der Jahrtausendwende in Südafrika, wo die erste Imamin Freitagspredigten hielt. Weitere Moscheen kamen hinzu, etwa in Kanada, den USA, Marokko oder Dänemark.

Ganz anders in der Schweiz: Hier müssen Elham Manea und ihre Mitstreiterinnen für ihre Freitagspredigten auf externe Lokale ausweichen. Ein eigener Gebetsraum, geschweige denn eine eigene Moschee, liegt in weiter Ferne. Denn selbst in Schweizer Vorzeige-Islam-Institutionen wie in der Moschee im Berner Haus der Religionen oder der erst im Mai eröffneten Prachtsmoschee in Wil SG, werden Frauen von den Männern separiert und müssen in den zweiten Stock. Und in der bosnischen Moschee des als progressiv geltenden Imams Sakib Halilovic in Schlieren ZH beten Frauen und Männer zwar im selben Raum und auf dem selben Stock. Der vordere Teil in der Nähe der Reliquien und des Imams ist allerdings ganz den Männern vorbehalten.

Schutz vor muslimischem Mann

Muslim-Organisationen und Imame argumentieren nicht selten damit, dass die Separierung dem Wunsch der Frauen selbst entspreche, die Isolierung quasi ihrem Schutz vor den Blicken der Männer diene. Für Elham Manea ein vorgeschobenes Argument: «Die Frauen werden so zu sexualisierten Objekten degradiert, die Männern zu Wesen, die ihren Sexualtrieb selbst beim Gebet nicht kontrollieren können.»

Zurück nach Berlin: Anlässlich der Eröffnung der liberalen Moschee entgegnete ein arabischer Fernseh-Interviewer auf die Forderung Maneas nach Frauen als Imaminnen, das gehe doch nicht wegen des weiblichen Hinterns. Was der Interviewer meinte: Beim Gebet knien sich die Gläubigen immer wieder hin und werfen sich zu Boden, wodurch reihenweise Hintern zu sehen sind, ganz vorne derjenige des Vorbeters – in diesem Fall der Vorbeterin. Elham Manea aber ist überzeugt: «Beim Gebet sind Frau und Mann vor allem eines: Mensch. Beide können sie das Gebet verrichten, ohne dabei an Sex zu denken.»

Etwas diplomatischer als der arabische Fernseh-Mann formuliert der Schweizer Dachverband Fids auf Anfrage seine Position doch noch. Kein Problem sieht die Fids, wenn eine Frau «mit entsprechendem Wissensniveau» das Gebet in der eigenen Familie leitet. Ausserhalb der Familie aber, findet die Fids etwas verklausuliert: «Bei gemischten Gruppen sagt der allergrösste Teil der islamischen Gelehrten und Gelehrtinnen, dass es wie bei den Katholiken Einschränkungen gibt.» Der Verband macht damit klar: Mit Rücksicht auf die konservativen Kräfte sind Frauen als Imaminnen ein No-Go.

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