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Schweizer Energiewirtschaft: Überforderung allenthalben

Die Schweizer Energiewirtschaft hat gestern Parlamentarier über die Vorgänge in Japan informiert.

Gieri Cavelty
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Die Überforderung der Schweizer Stromwirtschaft konzentriert sich in einem Wort: Wikipedia. In einem viertelstündigen Vortrag versucht Axpo-Chef Manfred Thumann, drei Dutzend Bundesparlamentarier aus allen Lagern über die japanischen Störfälle zu informieren. Dabei stützt er sich auf Grafiken, die ihm sein Assistent vom Wikipedia-Portal heruntergeladen hat – der Name des Onlinelexikons leuchtet als Quellengabe von der Leinwand. Im Berner Nobelhotel Palace sticht dieser Hinweis auf die Jekami-Enzyklopädie besonders ins Auge; noch dazu hier im «Salon Royal», wohin das Energieforum Schweiz, die Lobby-Organisation der Energiebranche, die Parlamentarier an diesem Donnerstagmittag zum Info-Lunch geladen hat.

Der zweite Redner präsentiert mitunter dieselben Grafiken – bloss taucht der Hinweis auf Wikipedia auf den Folien von ETH-Professor Horst-Michael Prasser nirgendwo auf. Das lässt sich insofern nachvollziehen, als Prasser an der nun entbrannten Debatte über die Atomenergie primär eines stört: deren Jekami-Charakter. «Plötzlich», sagt Prasser, «beteiligen sich ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen an einer Diskussion, die sich für das Thema bislang nicht interessiert haben.» Die Vorgänge in Japan sind für ihn derweil zwar katastrophal, aber wenigstens erklärbar. Die Analyse des von der Stromwirtschaft entlöhnten Professors für Kernenergiesysteme auf den Punkt gebracht: Die Japaner haben offensichtlich nicht alle Hausaufgaben gemacht.

Dieser Meinung widerspricht dann kein Geringerer als Axpo-Chef Thumann: «Japan hat den Abwurf von Atombomben erlebt. Und das Land weiss genau, wie erdbebengefährdet es ist. Diese Leute sind beim Bau ihrer Kraftwerke davon ausgegangen, dass sie die bestmögliche Sicherheit walten lassen.» Einfach zu sagen, die Japaner hätten etwas falsch eingeschätzt, sei Unsinn. Thumann: «Das ist eben der Punkt, der uns verunsichert. Uns verunsichert die Frage: Warum haben die Japaner die Schadensfolge unterschätzt?» Thumann ist aber nach wie vor der Ansicht, dass die Schweizer Kraftwerke allen vorstellbaren Bedrohungen standhalten. So sieht er, bei aller Verunsicherung, das Ende der Atomenergie lange nicht gekommen.

Die bemerkenswerteste Bemerkung macht in der abschliessenden Fragerunde dann freilich Professor Prasser. Vom Publikum auf die Sicherheit des AKW Mühleberg angesprochen, erklärt er: «Ich habe in meiner wissenschaftlichen Arbeit auch die Sicherheit existierender Kernkraftwerke bewertet. Diese Tätigkeit hat mich aber immer etwas enttäuscht.» Seit 20 Jahren seien keine neue Reaktoren gebaut worden. Dadurch habe man es verpasst, sicherere Anlagen zu erstellen. Man müsse sich nur vor Augen führen, welche Reaktoren in diesen 20 Jahren möglich gewesen wären.

«Deren Sicherheitsstandard läge über jenem von Gösgen.» Auf die Nachfrage, ob er damit sagen wolle, zumindest Mühleberg müsse nun vom Netz – auf diese Frage reagiert Prasser freilich unwirsch: «Das habe ich nicht gesagt.» Es bleibt damit unklar, was Prasser den teilweise überforderten Parlamentariern genau hat sagen wollen. Ausser vielleicht: Für die Schweiz ist ein atomarer Unfall ausgeschlossen. Sollte es gleichwohl dazu kommen, sind jene schuld, die den Bau neuer AKW verhindert haben.