Herr Brügger, zunehmend setzen sich Eheleute gegenseitig als erblich Meistbegünstigte ein. Dabei gehen die Kinder beim Tod des einen Elternteils leer aus. Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Christoph Brügger: Wir stellen fest, dass heute sehr viel sensibler und offener mit den Fragestellungen der Nachlassplanung und dem Erben umgegangen wird. Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung, der Diskussionen um unsere Sozialwerke und der steigenden Kosten eines Aufenthalts in einer Seniorenresidenz entsteht der Wunsch nach finanzieller Absicherung beim Versterben des Ehepartners.

Besonders der Mittelstand scheint in Sorge. Wovor fürchten sich die Eheleute?

Beim klassischen Mittelstandpärchen steckt oft das meiste Vermögen im eigenen Haus. Wenn Kinder beim Tod des einen Elternteils auf ihren gesetzlichen Erbanteil bestehen, kann es sein, dass der verbleibende Partner das Haus verkaufen muss, um das Erbe auszahlen zu können. Davor fürchten sich viele.

Eltern wollen mehr Sicherheit. Unterschreiben ihre Kinder einen Erbverzicht, verabschieden sie sich von jeglichen Sicherheiten, eines Tages doch noch etwas zu erben.

Nehmen wir an, die Mutter stirbt. Dann kann der Vater, meistbegünstigt durch den Vertrag, theoretisch das ganze Erbe aufbrauchen. Jedoch sind bestimmte Vertragsklauseln heute Standard, die verhindern, dass die Bestimmungen weiterlaufen, wenn der Vater etwa an Demenz erkrankt oder erneut heiratet.

«Eltern wollen sich vermehrt absichern», sagt Christoph Brügger, Generalsekretär des Schweizerischen Notarenverbands.

«Eltern wollen sich vermehrt absichern», sagt Christoph Brügger, Generalsekretär des Schweizerischen Notarenverbands.

Das klingt danach, als wären Familien-Fehden am Notar-Tisch vorprogrammiert.

Erstaunlicherweise sind es meistens Familien mit intakten Verhältnissen, die beim Notar Beratung für eine erbrechtliche Regelung suchen. Aber es ist ein delikates Thema – auf das mehr und mehr Eltern sensibilisiert sind.

Angenommen, der Vater muss nach ein paar Jahren ins Pflegeheim. Geht dann erst mal das ganze Erbe drauf?

Wenn nichts weiter vereinbart wurde und der Vater weiterhin handlungsfähig ist, dann könnte es sein, dass die Pflege- und Betreuungskosten das gesamte Vermögen aufbrauchen und die Kinder kein Erbe antreten können.

Wie kann man das verhindern und gleichzeitig dem Absicherungswunsch der Eltern gerecht werden?

Eine Möglichkeit, die wir oft sehen, ist die Kombination des Erbvorbezugs und des Erbverzichts – das heisst des Verzichts auf den gesetzlichen Pflichtteil. Eltern übertragen ihren Kindern im ihnen möglichen Rahmen einen Teil des Vermögens als Erbvorbezug und setzen sich anschliessend gegenseitig als Alleinerben ein. So ist der verbleibende Ehegatte beim Tod des Partners abgesichert. Gleichzeitig ist ein Teil des Vermögens bereits auf die Kinder übertragen worden – und kann grundsätzlich nicht mehr für die Finanzierung der Pflegekosten herangezogen werden. Jeder Fall ist ein Einzelfall. Wichtig ist, dass sich Eltern und Kinder über die verschiedenen Absicherungsmethoden individuell vom Notar beraten lassen.

Wann sollten Eltern mit ihren Kindern das Erbe vertraglich regeln?

Grundsätzlich können Eltern dies jederzeit tun, sofern ihre Kinder volljährig sind. Ein idealer Zeitpunkt ist sicher kurz vor der Pensionierung, um den nächsten Lebensabschnitt mit finanzieller Sicherheit planen zu können. Die Mehrheit der Eltern sucht zu diesem Zeitpunkt einen Notar auf. Wir empfehlen, dass Eltern von Anfang an transparent mit ihren Kindern kommunizieren und alle Familienmitglieder an der Diskussion beteiligt sind.