Kein gutes Haar liess die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) an der neuesten Pisa-Studie, als diese im Dezember von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) präsentiert wurde. «Es wäre verfehlt, diese unzureichenden Daten aus bildungspolitischer Sicht zu interpretieren oder gar Schlussfolgerungen für unser Schulsystem zu ziehen», sagte der damalige EDK-Präsident Christoph Eymann.

Der Grund für die schlechte Laune der Bildungsvertreter: Erstmals hatten die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler den Pisa-Test am Computer statt mit Bleistift und Papier gelöst, zudem hatten die Studienautoren an Stichprobe und Punkteskala geschraubt.

Damit, so die Kritik aus Bern, sei weder die Vergleichbarkeit mit früheren Erhebungen noch die Vergleichbarkeit zwischen den 72 teilnehmenden Staaten gegeben. Statt eigener Rückschlüsse präsentierte die EDK den Medienvertretern im Dezember daher einen geharnischten Protestbrief zuhanden der in Paris ansässigen OECD.

Riddle: PISA-Quiz

Inzwischen hat deren Generalsekretär, José Ángel Gurría, reagiert. Im dreiseitigen Antwortschreiben, das der «Nordwestschweiz» vorliegt, zeigt sich der frühere Finanz- und Aussenminister Mexikos uneinsichtig. «Wir können versichern, dass die Schweizer Resultate vollständig vergleichbar sind», schreibt Gurría. Für die Vermutung, die methodischen Änderungen hätten sich hierzulande signifikant ausgewirkt, bestehe keinerlei Anlass.

Bei der EDK gibt man sich ernüchtert. «Die OECD-Antwort besticht vor allem durch ihre Länge, die aufgeworfenen Fragen sind damit aber weder geklärt noch beantwortet», sagt Sprecherin Gabriela Fuchs. Die Schweizer Forderungen werde man nun über das zuständige Pisa Governing Board der OECD einzubringen versuchen. Dies freilich dürfte mühselig werden: Das Gremium, dem 36 Staaten angehören, fällt seine Entscheide einstimmig.

Pisa-Studie: Schweiz unzufrieden mit Methodik

Pisa-Studie: Schweiz unzufrieden mit Methodik

Bern - 06.12.16 - Schweizer Schüler sind sehr gut in Mathematik, gut in Naturwissenschaften und mittelmässig im Lesen. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Pisa-Studie. Allerdings wurden diverse Kriterien der Studie verändert, so wurde sie erstmals am Computer durchgeführt. Die Schweiz kritisiert diese Änderungen, da die Resultate dadurch schlecht mit früheren Studien vergleichbar sind.

Unterstützung aus dem Ausland

Parallel knüpft die EDK Kontakte zu Wissenschaftern aus dem In- und Ausland, die die Kritik an der Pisa-Studie teilen. «Gemeinsam wollen wir herausfinden, was sich im Hinblick auf die nächste Erhebung im kommenden Jahr tun lässt, damit wir wieder ein aussagekräftiges und belastbares Resultat erhalten», sagt Fuchs. Bis im Sommer sollen erste Erkenntnisse vorliegen.

Vor allem in Deutschland und Österreich dürfte die Offensive der EDK Unterstützung erfahren – auch in Berlin und Wien nämlich wurde die Pisa-Studie skeptisch aufgenommen. So veröffentlichte etwa das Fachmagazin «Diagnostica» kürzlich eine ausführliche Analyse mehrerer namhafter deutscher Forscher, die nahelegte, dass der Wechsel von Papier-und-Bleistift- auf Computer-Tests die Trendschätzung für Deutschland verzerrt haben könnte.

Bei der OECD will man den Methodenwechsel dennoch nicht hinterfragen. Den Umgang mit Computern zu erlernen, sei längst integraler Teil der Vorbereitung auf ein Leben im 21. Jahrhundert, heisst es. Im Kern gehe es um die akademische Frage, wie man mit Veränderungen umgehen wolle, sagt Sprecher Matthias Rumpf. «Die Fragestellung ist dieselbe wie beim Warenkorb, mit dem man die Inflation misst: Soll er stets unverändert bleiben oder neuen Konsumgewohnheiten angepasst werden?»

Über die Absender der Kritik wundert sich Rumpf: «Weder die Schweiz noch Deutschland gelten als hinterwäldlerisch, was die Nutzung digitaler Geräte im Alltag angeht. Es wäre deshalb sehr erstaunlich, wenn ausgerechnet hier Schülerinnen und Schüler beim Pisa-Test besondere Schwierigkeiten mit der Bedienung von Tablets gehabt hätten.»

Steigt die Schweiz aus Pisa aus?

In der EDK erwägt man derweil bereits den Ausstieg aus Pisa für den Fall, dass man in Paris weiterhin auf taube Ohren stösst. Verweigere die OECD eine ernsthafte Diskussion, werde er den Antrag stellen, schon 2018 nicht mehr teilzunehmen, sagte der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker, Mitglied im EDK-Vorstand, im Dezember zur «Ostschweiz am Sonntag». Denn obwohl die Pisa-Studien immer teurer und teurer würden, könne die Schweiz kaum mitreden, so der SVP-Politiker.

EDK-Präsidentin Silvia Steiner sagt auf Anfrage, über die Zukunft der Pisa-Studie könne erst entschieden werden, wenn alle Grundlagen vorlägen. Im Unterschied zu Kölliker ist für die Zürcher CVP-Bildungsdirektorin klar: «Die Schweiz braucht auf jeden Fall einen internationalen Referenzwert.»

Der Lehrerdachverband LCH ist skeptisch gegenüber der aktuellen PISA-Studie. Die Ergebnisse seien zwar erfreulich, liess er im Dezember verlauten, doch der Umgang der OECD mit kritischen Fragen zur Methodologie des Tests sei «ärgerlich und unprofessionell».