Info-Veranstaltung
Schweizer Bildungssystem beeindruckt alle Welt – eine Nation ist besonders interessiert

Wird das duale Bildungssystem zum Schweizer Exportschlager? Delegationen aus fünf Kontinenten waren zehn Tage zu Gast an der ETH, um von der Schweiz zu lernen. Eine Nation ist besonders interessiert.

Yannick Nock
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Belgiens König Philippe besucht Baden (für die anderen Portale)
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Mit dabei: Bundesrat Johann Schneider-Ammann und ABB-CEO Peter Voser (links).
Der "Lernende" Polymechaniker Davide de Campos begrüsst den König.
Timo Fehlmann, Lernender, erklärt den Roboter im Ausbildungsunternehmen libs, das Philippe ebenfalls besuchte.
Von Lehrlingen lassen sich Schneider-Ammann und Philippe den ABB-Alltag erklären.
Der König von Belgien, Seine Majestät König Philippe (Filip).
Der "Lernende" Polymechaniker Davide de Campos mit König Philippe.
ABB-CEO Peter Voser begrüsst König Philippe.
Der "Lernende" Polymechaniker Davide de Campos mit König Philippe.
Ankunft in Baden. Schneider-Ammann begrüsst den prominenten Gast.
In Begleitung von Schneider-Ammann (links) besucht Philippe (rechts) am Freitag in Baden die ABB und "libs" (Industrielle Berufslehren Schweiz).
Der König von Belgien, Seine Majestät König Philippe (Filip), besucht die ABB Turbo Systems in Baden. Mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann und ABB-VR-Präsident Peter Voser.
Ein Foto fürs Archiv.
Gemeinsam lassen sich Philippe und Schneider-Ammann die Maschinen und Abläufe in der ABB-Fabrik in Baden (AG) erklären.
Das Oberhaupt stellt auch Fragen.

Belgiens König Philippe besucht Baden (für die anderen Portale)

Sandra Ardizzone

Wäre die Versammlung nicht im Herzen Zürichs, man könnte sich an der UNO in Genf wähnen: Sitzreihen im Halbkreis, mit Holz verkleidete Wände, und auf jedem Tisch ragt eine kleine Landesflagge des Teilnehmers heraus. Doch aus dem Fenster erblickt man nicht die Place des Nations, sondern die ETH Zürich. Zehn Tage lang haben Vertreter aus fünf Kontinenten die Hochschule besucht, um das Schweizer Bildungssystem kennen zu lernen.

Am Freitag endete die Veranstaltung. Die über 50 Teilnehmer stammten aus den USA, Chile, Costa Rica, Deutschland, Serbien, Nepal oder Südafrika. Sie alle eint eine Frage: Was ist das Erfolgsgeheimnis des dualen Bildungssystems?

Mehrere Länder wollen das System implementieren. So klagt die Delegation aus Serbien: «Wir sind wie die ‹Titanic› auf hoher See. Wenn wir nicht schnell handeln, rammen wir einen Eisberg und sinken.» In Serbien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 50 Prozent. Meistens wird die Welt aus zwei Gründen auf die Schweizer Berufslehre aufmerksam: Wegen der geringen Jugendarbeitslosigkeit und wegen des für jeden bezahlbaren Studiums.

«Es geht nicht darum, die Schweizer Berufslehre eins zu eins auf andere Länder zu übertragen», sagt Ursula Renold von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH und Organisatorin der Veranstaltung. «Man muss die Besonderheiten jedes Landes berücksichtigen.» In den Diskussionsrunden sollen gemeinsam Lösungen für die einzelnen Nationen gefunden werden. Für die meisten Teilnehmer bleibt das Schweizer Modell aber der Fixstern, an dem sie sich orientieren.

Trump will mehr erfahren

Besonders begeistert sind derzeit die Amerikaner. Sie stellen mit knapp 20 Teilnehmern die grösste Delegation. Bildungsforscher, Firmenchefs und Politiker sind gleichermassen interessiert. So war beispielsweise die ehemalige US-Botschafterin aus Bern, Suzan LeVine, Gastrednerin und nahm an mehreren Diskussionsrunden teil. Die Begeisterung geht bis ins höchste Amt: Mitte Juli wird Bundesrat Johann Schneider-Ammann in die USA reisen. Präsidenten-Tochter Ivanka Trump will mehr über das duale Bildungssystem erfahren.

Einer, der das Modell in den USA vorantreibt wie kaum ein anderer, ist Noel Ginsburg, CEO der Intertech Plastics in Denver. Seit Jahren setzt er sich in Colorado für die Berufslehre ein und war nun bereits zum zweiten Mal am Kongress der ETH. Ginsburg, graue, zurückgekämmte Haare, freundliches Lächeln, kandidiert für den Posten des Gouverneurs in Colorado. Die Berufsbildung soll einer der Schwerpunkte seiner Kampagne werden. «Viele Amerikaner denken, nur wenn etwas in den USA erfunden wurde, ist es gut», sagt er. «Das ist Unsinn.» Was er über das Schweizer Bildungssystem gelernt habe, sei erstaunlich – und dringend nötig in den USA. Hillary Clinton hatte ein von Ginsburg mitentwickeltes Lehrstellen-Programm in ihre Kampagne aufgenommen. Umso mehr traf ihn der Wahlsieg Donald Trumps.

Ginsburg rollt mit den Augen, wenn er auf den Präsidenten angesprochen wird. Zwar sei es positiv, dass Trump sich für das Schweizer Bildungssystem interessiere, er glaubt aber nicht, dass sein Engagement über Lippenbekenntnisse hinausgeht. «Wenn jemand in der Regierung versteht, wie prekär die Situation ist, dann Ivanka», sagt der Demokrat. Die Verschuldung vieler junger Menschen durch das Studium sei die nächste Blase, die bald platzen werde und die USA in eine erneute Krise stürzen könnte. Die Berufsbildung sei ein Weg, aus dieser Schuldenfalle herauszukommen. Ginsburg hofft, dass Schneider-Ammann die Tochter des Präsidenten überzeugen kann. Er selbst hatte ein Aha-Erlebnis, als er sich zum ersten Mal mit einem Lehrling unterhielt. «Das war unglaublich, er war 16, wirkte aber wie 25.»

Erstaunte Australier

Stefan Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern und ebenfalls Redner an der ETH, kennt die Reaktion. Er hat sie mehrmals von Gästen aus aller Welt erlebt, gerade im angelsächsischen Raum. Aber nicht nur dort. Ein australischer Minister sagte ihm, nachdem er eine Lehrtochter gesehen habe, die gerade einen Millionenkredit bearbeitete: «Mein Sohn ist Mitte 20. Ich wünschte mir, er wäre so reif wie sie.» Die Schweizerin war 17.

Wolter weiss um die Bildungssorgen vieler Nationen. Er hält rund um den Globus Vorträge und empfängt regelmässig Gäste aus aller Welt. Erst vergangene Woche besuchte er mit dem König von Belgien, der auch Baden einen Besuch abstattete, eine Luzerner Berufsfachschule. Trotz aller Begeisterung für die Schweizer Bildung bleibe die Umsetzung aber schwierig. «Die meisten haben Mühe, Firmen von der Berufslehre zu überzeugen», sagt Wolter. Erste Erfolge sind dennoch sichtbar: Nach vielen Treffen und Gesprächen ist Spanien auf dem Weg, die Berufsbildung einzuführen. Bald könnten die Amerikaner folgen.