Personenfreizügigkeit
Schweizer Berufsleute sind vermehrt nur noch zweite Wahl

In Grossfirmen hat eine Verdrängung von gut qualifizierten Schweizer Berufsleuten durch junge Uniabgänger aus dem Ausland eingesetzt. Grund dafür sind ausländische Manager, die in diesen Firmen an den Schalthebeln sitzen.

Christof Forster
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Jungmanager in der Warteschlaufe. Im Bild die Kandidaten aus der TV-Serie «Traumjob» im Jahr 2005

Jungmanager in der Warteschlaufe. Im Bild die Kandidaten aus der TV-Serie «Traumjob» im Jahr 2005

Keystone

Die Klagen bei den Personalverbänden häufen sich. Bei Stellenbesetzungen und Beförderungen werden gut qualifizierte Schweizer von Ausländern verdrängt. Speziell betroffen sind Arbeitnehmer in international ausgerichteten und grossen Firmen. Dort ist der Anteil an ausländischen Managern besonders gross.

«Diese kennen oft die Schweizer Abschlüsse nicht. Und häufig tönen die ausländischen Diplome halt gut», sagt Hansjörg Schmid von Angestellte Schweiz, dem Personalverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie von Chemie und Pharma. Die Diplome, welche Schweizer Berufstätige über Lehre und Weiterbildung an einer Fachschule erlangen, gelten als nicht gleichwertig mit den universitären Diplomen aus den EU-Ländern.

«Gerade in Personalabteilungen arbeiten oft Leute aus dem Ausland, die im Hinterkopf haben, dass sie Akademiker brauchen», sagt Rudolf Strahm, Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung und ehemaliger Nationalrat. Diese Fixierung auf akademische Titel werde dem Schweizer System aber nicht gerecht. In der Schweiz ist die Hürde für den akademischen Weg höher als im Ausland. Hier machen nur 18 Prozent eine Matura. In Deutschland sind es über 40 Prozent, in Frankreich sogar über 50 Prozent.

Schweizer werden verdrängt

Auch beim Kaufmännischen Verband (KV) ist die Verdrängung von gut qualifizierten Schweizern durch Ausländer ein Thema. «Wer sich nach dem KV und Berufserfahrung zum Wirtschaftsprüfer ausbilden lässt und darauf eine höhere Fachprüfung ablegt, hat einen Titel, der höchsten Anforderungen entspricht», sagt Claude Meier vom KV. Weil dies ein Personalverantwortlicher aus der EU aber oft nicht wisse, stelle er lieber einen jungen Bachelor- oder Master-Uniabgänger an. Diese Entwicklung macht auch dem Schweizerischen Gewerbeverband Kummer. «Hinzu kommt, dass offenbar auch Schweizer lieber einen Bachelor haben als eine arbeitsmarktnahe Prüfung», sagt Verbands-Vizedirektorin Christine Davatz.

Strahm warnt vor den Folgen. «Dies führt bei Schweizer Arbeitnehmern vermehrt zu Ängsten und Widerständen gegenüber der Personenfreizügigkeit.» Auch Angestelltenvertreter Schmid befürchtet, dass die Akzeptanz der Personenfreizügigkeit darunter leidet.

Strahm fordert nun, die Schweizer Berufsbildungsdiplome aufzuwerten, und ist damit auch schon bei Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann vorstellig geworden. Ein Diplom einer höheren Fachschule sollte neben der deutschsprachigen Bezeichnung den Titel «Professional Bachelor» erhalten, so der Vorschlag von Strahm.

«Unsere Ungeduld nimmt zu»

Einen anderen Weg geht das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT). Nach europäischem Vorbild werden die Schweizer Diplome in acht verschiedene Kategorien eingeteilt und sollen dadurch europaweit vergleichbar sein. Im nächsten Frühling startet das BBT die Anhörung, die Einführung ist 2013 geplant. Für die Wirtschaft ist dieses Tempo schleppend, zumal das Problem seit längerem bekannt ist. «Unsere Ungeduld nimmt zu. Wir brauchen eine Lösung», sagt Claude Meier vom KV.

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