Rekrutierung
Schweizer Armee verteilt Kampfstiefel im Überfluss

Zahlreiche Zivildienstleistende haben bei der Aushebung Kampfstiefel erhalten, die sie nie brauchen - weil sie zum Beispiel im Alters- oder Pflegeheim arbeiten. Manche verkaufen die Schuhe gar im Internet.

Antonio Fumagalli
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Oft kommen die Kampfstiefel der Armee gar nicht zum Einsatz. (Symbolbild)

Oft kommen die Kampfstiefel der Armee gar nicht zum Einsatz. (Symbolbild)

Keystone

«Schweizer Armee-Kampfstiefel, neu, noch nie getragen, Grösse 43» – so lautet die Annonce auf einem grossen Schweizer Anzeigenportal. Wer bereit ist, die robusten Schuhe der Marke Bally persönlich im Kanton Freiburg abzuholen, kriegt sie für 60 Franken.

Ähnliche Angebote sind auf den einschlägigen Portalen zuhauf zu finden. Aus welchem Grund sie fabrikneue Armeestiefel zu Hause rumstehen haben, geben die Inserenten in der Regel nicht an. Die Vermutung liegt aber nah: Sie haben diese bei der Rekrutierung erhalten, danach nie einen Tag Militärdienst absolviert und die Stiefel entsprechend auch nicht gebraucht. Verboten ist ein solcher Verkauf nicht.

Es gibt immer mehr Zivis

Gemäss der aktuellsten Statistik des Verteidigungsdepartements (VBS) haben 2015 38 179 Stellungspflichtige einen definitiven Bescheid über ihre Tauglichkeit erhalten, wobei 24 305 als militärdiensttauglich und 4461 als schutzdiensttauglich beurteilt wurden. Die Übrigen waren medizinisch untauglich – sie leisten also weder Militärdienst noch Zivilschutz – oder wurden aus anderen Gründen zurückgestellt.

All diese Personen haben die zwei- bis dreitägige Rekrutierung durchlaufen, im Volksmund «Aushebung» genannt. Sobald klar ist, dass jemand militär- oder schutzdiensttauglich ist, kriegt er die Kampfstiefel 90 ausgehändigt, wie die Logistikbasis der Armee auf Anfrage mitteilt. In der Regel finde dies am zweiten Rekrutierungstag statt. Die jungen Männer (und wenigen Frauen) nehmen die Stiefel nach Hause und erhalten den guten Rat mit auf den Weg, die Schuhe in den kommenden Wochen und Monaten einige Male zu tragen, damit sie später in der Rekrutenschule keine Blasen verursachen.

Die Ausrüstung eines Schweizer Rekruten:

Die Ausrüstung eines Rekruten. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
50 Bilder
Sturmgewehr 90
Die Pistole erhalten nicht alle Rekruten.
Effektentasche
Grundtrageeinheit
Kampfrucksack
Militärschokolade und -biscuits
Transporttasche mit -wagen
Sackmesser
Pamir
Kleidertasche für Tenü A
Tagesrucksack
Schlafsack
Rollmütze
Gamelle
Leuchtweste
Dienstbüchlein und Leistungsausweis
Erste-Hilfe-Set
Magazin für Sturmgewehr 90
Gebissschutz
Veston (Tenü A)
Helm
Ohrenpfropfen
Ausgängerhose mit Gurt (Tenü A)
Besteck
T-Shirt funktionell
Fleece-Jacke
Bajonett
Schuhputzzeug
Kampfstiefel Die neusten Kampfstiefel hat die Armee beim italienischen Unternehmen AKU geordert. Ihre Produktionsstätten befinden sich in Rumänien.
Lange Unterwäsche
Trinkflasche
Béret
Gewehrputzzeug
Gasmaske
Unterwäsche Boxershorts, Damenslips und Unterhosen bezieht die Armee bei der Fabrik Amrit Exports in Indien und bei zwei Schweizer Firmen, die wiederum in Osteuropa produzieren.
Gurt (Tenü A)
Gurt (Tenü B/C)
Regenschutz (verstaut)
Vom Tarnanzug gibt es zwei Sorten: Arbeitsanzug für ins Feld (Tenü C) und Dienstanzug (Tenü B) für das Einrücken und ausserdienstliche Anlässe.
Tarnhose mit Gurt und Beinelastik
Krawatte
Kälteschutzanzug
Fingerhandschuhe
Roll-Shirt funktionell
Gnägi-Hemden Als die Herstellung der legendären Rollkragenleibchen im Jahr 2003 aus der Innerschweiz ins Ausland ausgelagert wurde, hagelte es politische Proteste. Ohne Erfolg. Unterdessen wurden die Leibchen in verschiedenen Ländern hergestellt. Unter anderem in Thailand, Rumänien und Indien.
T-Shirt grün
Hemden Für die Lieferung von Hemden und Blusen vergab die Armasuisse jüngst einen Auftrag an die J. Weder-Meier AG in Diepoldsau SG. Wo die Kleidungsstücke produziert werden, ist jedoch nicht bekannt.

Die Ausrüstung eines Rekruten. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Keystone

Nur: Immer mehr Militärdiensttaugliche leisten gar nie Militärdienst. Sie reichen ein Gesuch für den Zivildienst ein und werden von der Vollzugsstelle zugelassen, sofern sie ihr Gesuch spätestens zwei Wochen nach dem obligatorischen Einführungstag bestätigen. 2015 wurden 5835 Personen zum Zivildienst zugelassen – Tendenz steigend.

Einsatzbetrieb stellt Schuhe zur Verfügung

Die Zivis leisten ihren Dienst später in den verschiedensten Einsatzbereichen, wobei das Sozial- und Gesundheitswesen mehr als drei Viertel aller geleisteten Diensttage ausmacht. Das sind etwa Einsätze in einem Alters- und Pflegeheim oder die Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Jedenfalls sind es Tätigkeiten, bei denen das Tragen von Kampfstiefeln alles andere als sinnvoll, wenn nicht gar betriebsintern verboten ist. Überdies sind die Einsatzbetriebe verpflichtet, den Zivis spezielle Arbeitskleider inklusive Schuhe zur Verfügung zu stellen, sofern dies der Einsatz erfordert. Wer zum Beispiel im Naturschutz schwere Arbeiten verrichtet, erhält das dafür geeignete Schuhwerk zur Verfügung gestellt.

Das VBS schreibt, dass jemand, «bei dem schon bei der Rekrutierung klar ist, dass er Zivildienst leistet, nicht ausgerüstet wird». Formell kann dies zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht feststehen und auch die Armee betont, dass der Stellungspflichtige an der Aushebung «kein Zivildienstgesuch einreicht». Dieses stelle man «frühestens nach dem abgeschlossenen Rekrutierungsprozess», der auch die Funktionszuteilung für die RS beinhaltet. Mit anderen Worten: Es hängt davon ab, wie die Betroffenen gegenüber den Rekrutierungsoffizieren kommunizieren und was diese mit der Information anfangen. Wer noch nicht weiss, ob er später Zivildienst leisten will oder dies einfach nicht angibt, erhält die Kampfstiefel. Gemäss Angaben des VBS kostet das Paar zwischen 90 und 110 Franken.

Auch Zivilschützer betroffen

Tatsache ist, dass Tausende Zivildienstangehörige die schweren Schuhe zu Hause haben, ohne sie jemals gebraucht zu haben. Abgeben müssen sie diese nicht. Denn die Armee nimmt sie aus hygienischen Gründen nicht zurück, «sofern sie getragen wurden» – was naturgemäss schwer zu überprüfen ist. Wie viele Personen die Schuhe tatsächlich zurückgeben (müssen), lässt sich nicht eruieren, da das VBS keine entsprechenden Zahlen erhebt. Von den 5836 Personen, die 2015 zum Zivildienst zugelassen wurden, haben 45 Prozent ihr Gesuch noch vor Beginn der Rekrutenschule eingereicht und diese in den allermeisten Fällen keinen einzigen Tag lang besucht.

Hinzu kommen all jene jungen Männer, die als untauglich für den Militärdienst, aber tauglich für den Zivilschutz (nicht zu verwechseln mit dem Zivildienst) beurteilt wurden. Auch sie kriegen die Armeeschuhe – und weil viele von ihnen diese für ihre Tätigkeit ebenso wenig verwenden können wie ihre Kollegen im Zivildienst, lassen auch Zivilschützer die Kampfstiefel im Estrich verstauben. Oder sie bieten sie eben im Internet feil.

Lesen Sie auch den Kommentar von Antonio Fumagalli zum Thema.

Wo die Armeeuniform produziert wird – fünf Beispiele:

Bérets Die Mützen werden bei der Kappenfabrik Marie Slama & Sohn in Österreich beschafft. Das traditionsreiche Wiener Unternehmen ist spezialisiert auf die Produktion von Uniformkappen.
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Kampfstiefel Die neusten Kampfstiefel hat die Armee beim italienischen Unternehmen AKU geordert. Ihre Produktionsstätten befinden sich in Rumänien.
Unterwäsche Boxershorts, Damenslips und Unterhosen bezieht die Armee bei der Fabrik Amrit Exports in Indien und bei zwei Schweizer Firmen, die wiederum in Osteuropa produzieren.
Gnägi-Hemden Als die Herstellung der legendären Rollkragenleibchen im Jahr 2003 aus der Innerschweiz ins Ausland ausgelagert wurde, hagelte es politische Proteste. Ohne Erfolg. Unterdessen wurden die Leibchen in verschiedenen Ländern hergestellt. Unter anderem in Thailand, Rumänien und Indien.
Hemden Für die Lieferung von Hemden und Blusen vergab die Armasuisse jüngst einen Auftrag an die J. Weder-Meier AG in Diepoldsau SG. Wo die Kleidungsstücke produziert werden, ist jedoch nicht bekannt.

Bérets Die Mützen werden bei der Kappenfabrik Marie Slama & Sohn in Österreich beschafft. Das traditionsreiche Wiener Unternehmen ist spezialisiert auf die Produktion von Uniformkappen.

Keystone