Naturwissenschaften

Schweiz nutzt laut Forschern wissenschaftliche Sammlungen schlecht

Afrikanische Rosenkäfer aus der Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel.

Afrikanische Rosenkäfer aus der Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel.

In der Schweiz sind erst 17 Prozent der Objekte naturwissenschaftlicher Sammlungen digital erfasst. Damit seien zahlreiche Objekte für wissenschaftliche Auswertungen nicht wirklich zugänglich, kritisiert die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz.

Naturwissenschaftliche Sammlungen seien bei Klimastudien, in der Landwirtschaft, bei übertragbaren Krankheiten oder bei der Nutzung des Untergrunds einzigartige Datenquellen, schreibt die Akademie in einer Mitteilung. Umweltveränderungen könnten zum Beispiel oft nur mit Hilfe von Sammlungsobjekten nachgewiesen werden.

So hätten die Auswirkungen von Pestiziden auf die Umwelt erst anhand von Eierschalen in naturhistorischen Sammlungen genauer bestimmt werden können. Gesammelte Bodenproben aus der ganzen Schweiz hätten vor und nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erlaubt, das Ausmass der radioaktiven Verseuchung der Böden nachzuweisen.

Mit immer neuen Methoden gewännen Forscherinnen und Forscher anhand der vorhandenen Sammlungsobjekte auch neue Erkenntnisse.

Ein Bericht mit dem Titel "Nationale Bedeutung Naturwissenschaftliche Sammlungen der Schweiz" zeigt nun laut der Akademie erstmals auf, welche naturwissenschaftliche Sammlungen es in der Schweiz gibt und wie gut diese schon digitalisiert sind.

Forscher wollen Geld

Die 35'000 in der Akademie der Naturwissenschaften vereinten Experten wollen nun zusammen mit Museen, Hochschulen und botanischen Gärten die Sammlungsgüter in besserer Qualität zugänglicher machen, mit Hilfe einer digitalen Forschungsplattform. Dafür brauche es einen "Investitionsschub" von 14 Millionen Franken, schreibt die Akademie.

Diesen Investitionsschub soll der Bund leisten. Die Akademie hat im Dezember dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ein entsprechendes Gesuch eingereicht. Das sagte Christoph Scheidegger von der Akademie der Naturwissenschaften am Donnerstag an einer Medienkonferenz in Bern.

Die 14 Millionen Franken sollen ins nächste Budget für Forschungsförderung aufgenommen werden, das die eidgenössischen Räte laut der Akademie für jeweils vier Jahre verabschieden.

Die Forscher und ihre Partner möchten auch erreichen, dass die Sammlungen als nationale Forschungsinfrastruktur gelten. Auch die Europäische Union habe Sammlungen 2018 als prioritäre Forschungsinfrastruktur eingestuft, hält die Akademie der Naturwissenschaften dazu fest.

Ohne digitale nationale Forschungsplattform drohe die Schweiz beim wissenschaftlichen Zugang zu Sammlungen den internationalen Anschluss zu verlieren. Andere Länder hätten einen viel höheren Digitalisierungsgrad als die Schweiz mit ihren 17 Prozent.

Erzwespe gegen Kirschessigfliege

Gerade bei der Untersuchung von eingeschleppten Pflanzen- oder Tierarten seien naturwissenschaftliche Sammlungen wichtig, sagte Alice Cibois von der Swiss Systematics Society, also der Gesellschaft, welche sich um die Klassifizierung von Tier- oder Pflanzenarten kümmert.

Ein Beispiel dafür lieferte das Naturhistorische Museum Bern, wo die Medienkonferenz stattfand. Im gekühlten Lager im Untergeschoss des Museums zeigte Kurator Hannes Baur in einem Holzkasten eine Erzwespe der Art Vrestovia fidenas. Forscher der Forschungsanstalt des Bundes Agroscope haben jüngst in der Schweiz eine neue Erzwespe entdeckt und sie anhand der Sammlung im Berner Museum bestimmt.

Die Forscher hoffen, dank der Erzwespe die Kirschessigfliege bekämpfen zu können, die den Schweizer Bauern das Leben schwer macht. Die Erzwespe ist der natürliche Feind der aus Südostasien stammenden Fliege. "In naturwissenschaftlichen Sammlungen schlummert ein enormes Potenzial", sagte Museumsdirektor Christoph Beer. "Dieses Potenzial liegt in der Schweiz grösstenteils brach".

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