Der italienische Transportminister Maurizio Lupi ist am 29. Januar in Bern zu Gast bei Bundesrätin Doris Leuthard.

Zwar geht es in erster Linie um die Unterzeichnung einer lang erwarteten Finanzierungsvereinbarung für die Neat-Zulaufstrecke via Luino, doch für die Schweizer Verkehrsministerin ergibt sich vielleicht auch die Möglichkeit, ein Wörtchen zur Bahn-Neubaustrecke Mendrisio–Stabio–Varese zu sagen – eine grenzüberschreitende Verbindung für den Personenverkehr zwischen den beiden Nachbarländern.

Differenzen in Italien

Denn trotz vollmundiger Versprechen der Region Lombardei stehen die Arbeiten an dieser Bahnlinie auf italienischer Seite weitgehend still, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

Die gravierenden Probleme zwischen der Bauherrin, der italienischen Infrastrukturbetreiberin RFI (Rete Ferroviaria Italiana), und dem federführenden Bauunternehmen Ing.

Claudio Salini Grandi Lavori Spa (ICS), sind offenbar immer noch nicht gelöst. Es geht um die Deponierung des mit natürlichem Arsen belasteten Aushubmaterials und den damit verbundenen Kosten.

Auf Schweizer Seite führen die Gleise auf einem Schotterbett mittlerweile fast bis zur Landesgrenze.

Die künftige Haltestelle von Stabio mit Perrons und Unterführung ist baulich weit fortgeschritten. Die Masten für die Stromleitung sind gesetzt.

Wenige Meter vor dem Grenzzaun bildet eine neue Betonbrücke über das Flüsschen Gaggiolo das letzte grosse Bauwerk auf Schweizer Seite. Doch hinter dem Zaun in Italien: nur Gestrüpp.

Erdarbeiten sind nicht möglich

Von Stabio-Gaggiolo ist auf italienischer Seite eine Neubaustrecke bis Arcisate (3,5 km) geplant, ab dort wird die bereits bestehende (aber ausser Betrieb genommene) Bahnlinie Porto Ceresio–Varese auf Doppelspur ausgebaut (4,5 km). Von einem 800 Meter langen Tunnel in Gaggiolo sind erst 300 ausgebrochen. «Erdarbeiten sind im Moment nicht möglich», sagt ein ICS-Angestellter.

Tatsächlich ist auf der ganzen Strecke zwischen Gaggiolo und Varese kein schweres Gerät im Einsatz – Bagger oder Baufahrzeuge.

Dafür wuchert viel Unkraut auf der Trasse. In Arcisate steht kurz vor dem Beginn der ersten Wohnhäuser ein halbfertiges Viadukt mitten in der Landschaft. Alles wirkt desolat, trostlos und verlassen.

Das unfertige Trassee schneidet das Dorf buchstäblich in zwei Hälften. Aus Umweltschutz- und Lärmgründen hat man die Bahn tiefer gelegt, wie eine Art U-Bahn. Nach den vielen Regenfällen ist die Schneise nun zu einer Art Fluss geworden.

«Das ist Italien!», klagt eine Anwohnerin in Arcisate und zeigt auf die verwahrloste Baustelle. «Man hat uns viel versprochen, nicht nur die moderne Bahn, sogar auch einen Radweg von Arcisate nach Induno, doch schauen Sie: Hier läuft gar nichts mehr.»

Die verlotterten Bauzäune sind teilweise nur wenige Meter von Wohnhäusern und Wohnblocks entfernt. Seit Jahren ist der Zugang zu diesen Wohnungen erschwert.

Hinter den Zäunen: ein Abgrund von etlichen Metern. Auf einem Bauzaun prangt der Satz eines Sprayers, den hier wohl alle teilen: «State rovinando un paese» (Ihr ruiniert ein Dorf).

Keine Prognosen

Im Moment wagt niemand eine Prognose, wann die Arbeiten an dieser Bahnlinie in vollem Umfang weiter geführt werden.

Geradezu unmöglich ist eine Prognose über eine Inbetriebnahme. Eigentlich hätten die Ferrovia Mendrisio–Stabio–Varese (FMV) im Dezember 2014 eingeweiht werden sollen.

Dann wurde der Termin auf italienischer Seite auf den Beginn der Expo Mailand, Mai 2015, verschoben. Doch auch dieser Termin wurde mittlerweile annulliert. Ein neues Datum ist nicht in Sicht.

Im Tessin hingegen soll der Ast Mendrisio–Stabio planmässig zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014 befahren werden.

Voraussichtlich werden die Personenzüge wie ein Shuttle pendeln – zwischen Mendrisio und dem Bahnhof Stabio, zirka zwei Kilometer vor der Landesgrenze. Ein Stumpengleis statt grenzüberschreitender Mobilität.