Schweigeminute für Coronatote
Früher klatschten wir, heute sind wir stumm

Die Schweigeminute vom Freitagmittag ist eine schöne Geste. Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Das Klatschen fürs Pflegepersonal hat im Nachhinein etwas Heuchlerisches.

Pascal Ritter
Pascal Ritter
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Drei Kinder klatschen im Rahmen einer Solidaritätsaktion fürs Pflegepersonal am 16. März 2020.

Drei Kinder klatschen im Rahmen einer Solidaritätsaktion fürs Pflegepersonal am 16. März 2020.

KEYSTONE/Laurent Gillieron

Heute, um 11:59 Uhr, findet eine Schweigeminute für die mittlerweile rund 10'000 Corona-Toten statt. Es ist eine schöne Geste. Sie zeigt den Angehörigen, dass der Tod ihrer Liebsten wahrgenommen wird. Der Tod des Vaters, der Mutter, des Grossvaters oder der Grossmutter ist nicht mehr Privatsache, sondern hat eine öffentliche Dimension. Wir gestehen damit auch ein, dass wir als Gesellschaft eine Verantwortung haben.

Dass der Absender, Bundespräsident Guy Parmelin, SVP-Politiker ist, tut dem Land gut. Ist es doch die Volkspartei, die im Abwägen zwischen Gesundheit und Wirtschaft bisher Letzteres stärker gewichtete.

Und trotzdem beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Ist es nicht zynisch, gleichzeitig zu öffnen und den Opfern früherer Öffnungen zu gedenken?

Kommt uns das Schweigen irgendwann auch zynisch vor?

Vor rund einem Jahr klatschten wir auf den Balkonen für das Gesundheitspersonal. Es war ein Zeichen der Solidarität. Als die Kapazitäten auf den Intensivstationen dann im Herbst knapper und knapper wurden, klatschten wir nicht mehr. Es kam uns heuchlerisch vor.

Noch haben wir Gelegenheit zu verhindern, dass uns eines Tages die heutige Schweigeminute nicht auch heuchlerisch vorkommt.