Schwarzmarkt
Die Handtaschen von Hermès sind so rar, dass ein gewaltiger Schwarzmarkt darum entstand – so funktionieren die Tricks

Die französische Polizei hob einen Ring aus, der mit überteuerten Produkten des Luxus-Herstellers handelte. Dreist: Die Produkte verkauften sie in einem eigenen Laden unweit des Hermès-Geschäft.

Stefan Brändle aus Paris
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Gefragte Produkte: Filiale von Hermès in Luzern.

Gefragte Produkte: Filiale von Hermès in Luzern.

Nadia Schärli

Sie ist klassisch, schlicht und elegant. Sie trägt keinen Namen und kein Logo, und doch kennen sie alle: die «Birkin» des Pariser Luxusanbieters Hermès. Benannt ist sie nach der Schauspielerin Jane Birkin, die dem Hermès-Vorsteher Jean-Louis Dumas – einem Nachfahren des Firmengründers Thierry Hermès – 1981 auf einem Flug geklagt haben soll, ihr fehle eine passende Handtasche.

Soweit die Legende. Heute ist «die Birkin», oder auch die etwas kleinere «Kelly» (wie die einstige Fürstin von Monaco), mehr als nur eine Handtasche. Sie ist ein Sammlerstück, ein Mietobjekt und sie dient als Wertanlage. Ihr Verkaufspreis liegt über 7000 Euro; auf Auktionen erzielte sie 2020 einen Rekordwert von 287 000 Dollar.

Fast die Hälfte kommt auf den Schwarzmarkt

Und damit beginnt das Problem: Das Bijou von Hermès ist gebraucht teurer als neu. Einmal in einem Hermès-Shop erstanden, lassen sich die kultigen «it-bags» problemlos für ein Mehrfaches weiterverkaufen, sei es im Internet, privat oder illegal – die Grenzen sind fliessend. Laut Insiderschätzungen kommen nahezu die Hälfte aller «Birkins» oder «Kellys» wieder in den schwarzen oder grauen Handel, wenn sie einen der weltweit 300 Hermès-Läden verlassen haben.

Ende Januar hat die französische Kriminalpolizei einen zehnköpfigen Händlerring nach langer Ermittlung festgesetzt. Ein einschlägig bekannter Tunesier und mehrere Chinesen führten in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré einen Showroom. Dort, unweit des Elysée-Palastes, verkauften sie in einem luxuriösen, hermès-ähnlichen Ambiente vorab asiatischen Kundinnen Handtaschen, die sie im nahen Hauptgeschäft von Hermès selber erstanden hatten.

Einmal in einem Hermès-Shop erstanden, lassen sich Taschen wie die "Birkin" problemlos für ein Mehrfaches weiterverkaufen.

Einmal in einem Hermès-Shop erstanden, lassen sich Taschen wie die "Birkin" problemlos für ein Mehrfaches weiterverkaufen.

Timothy A. Clary / AFP,LEB

So funktioniert der «Maulesel»-Trick

Zu diesem Zweck setzten sie so genannte «mules» (französisch für Maultiere) ein - anonyme Personen, die sich im Laden als gewöhnliche Kunden ausgaben. Wie genau, hat nun einer dieser überführten Scheinkäufer der Zeitung «Le Parisien» geschildert.

Der 28-jährige Franzose wurde über ein amerikanisches Mannequin akquiriert, nachdem er die bekannte Pariser Theaterschule Florent absolviert hatte. Er wurde schick eingekleidet und gab sich im Hermès-Shop sodann als reicher Sohnemann aus, der seiner bettlägerigen Mutter ein Geschenk machen wollte. Die Hermès-Verkäufer kennen allerdings die meisten Tricks solcher Fake-Kunden und unterwerfen sie – auch wenn auf formvollendete Art – einem eigentlichen Verhör.

Die Verkäufer sind geschult

«Die Angestellten sind sehr misstrauisch», erzählte der ausgebildete Schauspieler. «Sie beobachteten uns in den Hinterzimmern über Kameras. Deshalb musste ich zuerst andere Hermès-Produkte wie etwa Parfums kaufen. Und ja keine Fotos machen.»

Schöpften die Verkäufer Verdacht, kamen sie mit leeren Händen aus dem Lager zurück. Der junge Franzose erklärt:

«Sie setzen das verbindlichste Lächeln auf, boten aber nur Taschen mit unmöglichen Farben an, oder sie setzten mich auf eine unergiebige Warteliste.»

Stecken Verkäufer mit drin?

Der angelernte «Maulesel» bekannte, er habe es wohl dreissigmal versucht, aber die entsprechenden Boutiquen nur viermal mit einer «Birkin» oder «Kelly» verlassen. Und nicht in Krokodil-, nur in Togo- oder Epsomleder.

Unangenehm für Hermès ist die Angabe des Schauspielers, dass in zwei Fällen ein Verkäufer mit ihm unter einer Decke gesteckt habe. Umso wichtiger sei es gewesen, dass sie beide den Überwachungskameras eine perfekte Komödie vorgespielt hätten. Ausserdem erklärte der Festgenommene, er habe in den Läden immer wieder andere Fake-Kunden an ihrem Benehmen ausgemacht.

Eine Million Euro Umsatz pro Monat

Das illegale Vorgehen zahlte sich aus: Laut der Pariser Kripo erwirtschaftete die Händlerbande monatlich eine Million Euro an Umsatz. Mehrere Jahre lang. Verhökert wurden die Taschen direkt in Paris oder über einen Showroom in Dubai Richtung Mittleren Osten, USA, Russland oder China. Die Preise betrugen oft das Doppelte des offiziellen Hermès-Preises von 7000 bis 8000 Euro. Für eine «Birkin» aus Krokodilleder fanden die Ermittler eine Rechnung über 45'000 Euro.

Hermès kämpft seit langem gegen solche Praktiken, auch wenn in letzter Zeit eher Diebes- oder Fälscherbanden Schlagzeilen gemacht haben. Im Juni 2020 wurden in Paris sogar ehemalige Hermès-Näher verhaftet, die sich «selbständig» gemacht und falsch Birkins-Bags abgesetzt hatten.

Der Pressedienst von Hermès nimmt ungern Stellung zu den Maultier-Praktiken. Das Familienunternehmen, das die Hälfte seines Umsatzes von 6,9 Milliarden Euro (2019) mit Lederwaren erzielt und bisher ohne rote Zahlen durch die Covid-Krise gekommen ist, verliert nicht nur viel Geld, sondern auch an Image. Branchenkenner glauben deshalb, dass das Angebot der Luxustaschen zwecks Förderung des Kultstatus zu stark verknappt werde. Hermès erwidert, eine «Birkin», die ohne jede Nähmaschine gefertigt werde, erfordere nun einmal eine ganze Woche Handarbeit.

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