Seit Wochen drückt die Hitze, selbst die Nächte bringen keine Abkühlung. Besonders leiden darunter ältere und chronisch kranke Personen, Schwangere sowie Kleinkinder. Für sie kann die Hitze gefährlich werden: Im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz fast 1000 Personen mehr als in einem Sommer mit durchschnittlichen Temperaturen. Vor allem Menschen über 65 Jahre kamen hitzebedingt ums Leben.

Die meisten Westschweizer Kantone und auch das Tessin haben in den letzten Jahren sogenannte Hitzepläne lanciert, um die Bevölkerung besser vor den Auswirkungen hoher Temperaturen zu schützen. Im Kanton Waadt etwa nehmen bei Hitzewarnung Mitarbeiter der Stadt Lausanne und ihrer Agglomerationen persönlich Kontakt auf mit allen alleine lebenden, über 75-jährigen Personen. Angestellte des Sozialdienstes, Zivilschützer und Gemeindepolizisten erkundigen sich nach dem Gesundheitszustand der Betagten und bieten Hilfe an. Falls notwendig, werden die Betroffenen mit Getränken versorgt.

Wasser für die Autofahrer im Stau

Im Tessin verteilt der Zivilschutz am Gotthard-Südportal Wasser an Autofahrer, die im Stau feststecken. In Genf werden während einer Hitzeperiode besonders verletzliche Betagte täglich telefonisch kontaktiert und nach ihrem Wohlergehen gefragt. 98 Personen hätten sich dafür angemeldet, sagt Michael Zurkinden vom Genfer Sozialdienst. Kommt der Kontakt einmal nicht zustande, schickt der Sozialdienst die Polizei vorbei. Zweimal sei das in diesem Sommer geschehen, sagt Zurkinden. Beide Male ging es glimpflich aus: Die Personen hatten vergessen, sich abzumelden. Auch Obdachlose betreut Genf in der Hitze besonders eng: Sozialarbeiter und Zivildienstler versorgen sie mit Wasser und Ratschlägen.

Sonderstab «Helios» in Freiburg

Daneben haben diese Kantone weitere Massnahmen getroffen, etwa Sensibilisierungskampagnen. Freiburg, Neuenburg und Wallis haben spezielle Pläne zum Schutz ihrer Bevölkerung aufgestellt – inklusive Frühwarnsystem, wenn die nächste Hitzewelle anzurollen droht. In Freiburg etwa ist im Sommer der Sonderstab «Helios» (griechisch für «Sonne») aktiv, und die Polizei kontrolliert auf Parkplätzen, ob Kinder oder Tiere in Autos eingeschlossen sind.

Anders sieht es in der Deutschschweiz aus. Die Kantone diesseits des Röstigrabens und des Gotthards begnügen sich weitgehend damit, auf ihren Websites Empfehlungen zum richtigen Verhalten aufzuschalten und die medizinischen Einrichtungen mit Informationen zu versorgen. Martina Ragettli vom Schweizerischen Tropeninstitut, die im Auftrag des Bundes mehrere Publikationen zum Thema mitverfasst hat, nennt dafür verschiedene Gründe. So hätten vor allem jene Kantone einen Aktionsplan erstellt, die besonders stark von Hitze betroffen sind, etwa das Tessin. Zudem seien die Prioritäten im Gesundheitswesen unterschiedlich. Die Waadt und Genf orientierten sich des Weiteren stark an Frankreich, wo ähnliche Massnahmen in Kraft seien.

Dass es aber auch in der Deutschschweiz durchaus Handlungsbedarf gibt, zeigt eine der Studien des Tropeninstituts im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt. In den Städten Genf, Lausanne und Lugano, die allesamt einen Hitzemassnahmenplan haben, ist demnach das hitzebedingte Sterberisiko zwischen 2003 und 2013 zurückgegangen. Anders in den Städten Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich, die keine Massnahmenpläne kennen: Das Sterberisiko aufgrund von Hitze konnte im gleichen Zeitraum nicht gesenkt werden.

Zürich und St. Gallen rüsten nach

Auch einzelne Deutschschweizer Kantone wollen nun aktiv werden. «Im Kanton Zürich ist ein Massnahmenplan zur Anpassung an den Klimawandel in Erarbeitung», sagt Sibylle Brunner, Beauftragte für Prävention und Gesundheitsförderung. Der Plan soll im Herbst verabschiedet werden. Er umfasse Massnahmen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung in akuten Hitzeperioden. Der Kanton St. Gallen will das Thema in den nächsten Wochen diskutieren, wie Präventivmedizinerin Karin Faisst bestätigt.

Noch 2011 sei der Kanton Uri in einer Risikoanalyse zum Schluss gekommen, die Hitze sei kein drängendes Thema, sagt Patrik Zgraggen, Leiter des Gesundheitsamts: «Dies könnte sich in Zukunft ändern und es müssten entsprechende Massnahmen definiert werden.» Auch das Fürstentum Liechtenstein, das eng mit den Schweizer Behörden zusammenarbeitet, reagiert auf die Häufung der Hitzeperioden. «Das Amt für Gesundheit wird in den nächsten Wochen die Erarbeitung eines detaillierten Hitzemassnahmenplans evaluieren», teilt Amtsärztin Marina Jamnicki Abegg mit.

Hitzeplan nicht nötig

In anderen Kantonen heisst es, ein eigentlicher Hitzeplan sei nicht nötig. Der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall etwa schreibt, die Bevölkerung werde bereits über verschiedene Kanäle sehr gut informiert über Hitzewellen und entsprechende Verhaltensweisen. Die Dienststelle Gesundheit und Sport plane, bei Hitzewellen die Pflegeheime und Spitexorganisationen mit Fachinformationen zu versorgen. In den Kantonen Aargau und Solothurn existiert ebenfalls kein Hitze-Massnahmenplan. Die beiden Kantone verweisen auf die Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Der Kanton Basel-Landschaft hat Verhaltensempfehlungen auf seiner Website aufgeschaltet und verweist ebenfalls auf die Empfehlungen des BAG.

Unmittelbar dürfte sich die Situation nun ein wenig entspannen: Am Donnerstag und Freitag werden laut Meteorologen kühlere Luftmassen die Schweiz erreichen. Doch schon am Sonntag steigt das Thermometer erneut auf 30 Grad.