Therwil

Schulpräsidentin über Handschlag-Dispens: «Ich bin nicht glücklich mit diesem Entscheid»

Handschlag verweigern? Die Dachorganisation islamischer Vereine lehnt die Sonderregelung ab. (Themenbild)

Handschlag verweigern? Die Dachorganisation islamischer Vereine lehnt die Sonderregelung ab. (Themenbild)

Zwei muslimische Schüler müssen ihrer Lehrerin nicht mehr die Hand geben. Die Schule hat es erlaubt, findet es aber eine schlechte Lösung. Die Schulpräsidentin sei nicht glücklich und kritisiert, dass die Gemeinde vom Kanton keine Unterstützung erhalten habe.

Im Baselbieter Therwil hat die Sekundarschule zwei muslimischen Schülern erlaubt, aus religiösen Gründen, der Lehrerin nicht mehr die Hand zu schütteln. Dies hat die «Schweiz am Sonntag» publik gemacht.

Seither diskutiert die Schweiz über Sinn und Unsinn dieser Sonderregelung. Die Schule von Therwil will sich am Montag zum Thema äussern.

Gegenüber dem «Blick» erklärt sich Schulpräsidentin Christine Akeret (SP) bereits jetzt. Sie sei «nicht glücklich mit dieser Situation», wird sie zitiert.

Als die 14- bis 15-jährigen Schüler mit ihrer Forderung auf die Schule zugekommen seien, seien diverse Massnahmen geprüft worden: etwa einen Schulverweis oder eine Busse für die Eltern.

Doch Akeret findet: «Das wäre unverhältnismässig.» Man wolle nicht die Eltern für die Schüler strafen, denn diese hätten die Schüler nicht beeinflusst, wie diese angegeben hätten.

Mit der Sonderregelung will sich Akeret nicht richtig anfreunden können, wie sie weiter darlegt. Es sei schwierig, wenn sich jemand unseren Gepflogenheiten nicht anpassen will, so Akeret.

Die Schulpräsidentin kritisiert, dass Therwil vom Kanton in der Frage keine Unterstützung erhalten habe. Dieser arbeitet gemäss «Schweiz am Sonntag» an einem Gutachten.

Nachdem der Fall bekannt geworden ist, hagelte es Kritik. Im Islam gilt gemäss einigen Rechtsschulen, dass ein Mann eine Frau, die nicht seine Ehefrau ist, nicht berühren darf.

In Therwil ist es Usus, dass die Schüler zur Begrüssung und zur Verabschiedung der Lehrkraft die Hand geben.

Nicht einverstanden mit der neuen Regel ist der Lehrerverein Baselland. Geschäftsleitungsmitglied Isabella Oser ist zuständig für Beratung und Rechtshilfe und befasste sich mit dem Fall.

«Die von der Schulleitung beschlossene Order liegt nicht auf unserer Linie», sagt sie zur «Schweiz am Sonntag».

Es handle sich um den Bruch einer Tradition und um eine Diskriminierung der Frauen: «Wir wollen nicht ins Mittelalter zurück.»

Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam, sagt im «Blick»: «Ihren Forderungen nachzugeben, bedeutet, dem politischen Islam Tür und Tor zu öffnen. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien!»

Für Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), ist die Sonderregelung von Therwil, den Handschlag zu verweitern, keine gute Idee.

Auf der eigenen Medienseite lässt er sich zitieren: «Nein, man sollte es nicht akzeptieren, weil die muslimischen Schüler Respekt gegenüber den Mitmenschen insbesondere den Lehrpersonen zeigen sollen. Folglich handelt sich um eine Praktik die einerseits das islamische Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt.»

Und was empfiehlt BenMrad zu tun, wenn die Verweigerung des Handschlags zum Thema wird? 

«Den Lehrpersonen empfehle ich solche Fragestellungen mit einem kühlen Kopf und im Dialog anzugehen. Sie wollen ihren pädagogischen Auftrag pflichtbewusst ausführen, den Bürgersinn der Schüler fördern und gleichzeitig deren Diversität respektieren. Diesen Ansatz sollten wir stärken und unterstützen.»

Und weiter sagt BenMrad: Die FIDS steht gerne dafür zur Verfügung. Leider gibt es auch auf muslimischer Seite Akteure, welche die Provokation und den juristischen Konflikt dem Dialog vorziehen, dieses Vorgehen lehnen wir ab.»

Die Schüler und Eltern möchte er zur Reflexion anregen: Könne denn die Verweigerung des Händeschüttelns wichtiger sein als das islamische Gebot des gegenseitigen Respekts?

Der Austausch mit anderen Muslimen in der Schweiz sowie die Lektüre von Argumenten islamischer Gelehrten die für das Händeschütteln erlauben sei wichtig für eine differenzierte Sichtweise. (jk)

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