Schule
«Lagerkoller» in Quarantäne: Viele Eltern wissen nicht, dass die Kinder an die frische Luft dürfen

Das Coronavirus grassiert bei den Jüngsten. Tausende Kinder befinden sich in Quarantäne. Sie dürfen an die frische Luft, wenn sie draussen niemanden ausser Familienmitglieder treffen. Doch diese Information dringe nicht zu allen Eltern durch, kritisiert Pro Juventute. Vor allem Familien mit Migrationshintergrund wüssten oft nicht Bescheid.

Kari Kälin
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Trotz Quarantäne sind bei Kindern kurze Frischluftepisoden erlaubt. Einzige Vorgabe dazu: Sie dürfen keine anderen Menschen als Familienangehörige treffen.

Trotz Quarantäne sind bei Kindern kurze Frischluftepisoden erlaubt. Einzige Vorgabe dazu: Sie dürfen keine anderen Menschen als Familienangehörige treffen.

AAR

Bei den 10- bis 19-Jährigen ist die Häufigkeit neuer Ansteckungen am grössten, gefolgt von den 0- bis 9-Jährigen: Das Coronavirus breitet sich bei den Jüngsten aus. Die Folge: Tausende Schülerinnen und Schüler harren derzeit in Quarantäne aus. Allein in Lenzburg müssen sich bis zum 16. September mehr als 600 Schülerinnen und Schüler abschotten. Der kantonsärztliche Dienst Aargau hatte eine Quarantäne für die gesamte Primarschule angeordnet, weil seit dem 1. September in verschiedenen Klassen 12 positive Fälle entdeckt wurden. Für Lehrpersonen und Kinder bedeutet das: Fernunterricht.

Kinder unter 12 Jahren, so heisst es in den Quarantäne-Anweisungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), sollen in dieser Zeit möglichst wenig Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern haben. Eine schwierige Situation. Das stellt auch Pro Juventute fest. Bei der Stiftung erkundigen sich immer wieder Eltern, was sie tun können, «wenn ihre Kinder den ‹Lagerkoller› haben», sagt Sprecherin Luzlana Musliu. Sie kritisiert: «Es ist für uns als grösste Fachorganisation für Kinder und Jugendliche unverständlich, dass nicht mehr unternommen wird, um Quarantäne für Kinder und Schulschliessungen zu verhindern.»

Pro Juventute wisse nach eineinhalb Jahren Pandemie aus den Beratungen für Eltern und Kinder und Jugendliche, dass Quarantänen und Schulschliessungen Kinder sowie Jugendliche nachweislich psychisch stark belasteten. «Und das Familiengefüge gerät aus den Fugen», sagt Musliu.

Immerhin: Im letzten Oktober lockerte das BAG die Quarantänevorschriften. Seither dürfen Kinder unter 12 Jahren mit dem Segen des Bundes draussen frische Luft schnuppern, sofern sie dabei niemanden treffen und nur von Familienmitgliedern begleitet werden. Im Fachjargon nennt sich das «kurze Frischluftepisoden». Der Kanton Luzern etwa schreibt betroffenen Eltern, dass die Frischluftepisoden nicht länger als eine Stunde pro Tag dauern dürfen. Bloss: Offenbar wissen viele Eltern nicht Bescheid, dass für Kinder solch «kurze Frischluftepisoden» gestattet sind.

«Wie wir in unseren Beratungsgesprächen merken, wird darauf sehr wenig hingewiesen», sagt Musliu. Vor allem zu fremdsprachigen Eltern dringe diese Information oft nicht durch. Die Folge: Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund versauern in der Quarantäne, ohne dass sie ins Freie gehen – obwohl sie dürften. Pro Juventute fordert, dass verstärkt auf diese Möglichkeit hingewiesen wird.

Kantonsarzt Hauri: «Wir machen das schon lange»

Rudolf Hauri ist Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte und Zuger Kantonsarzt. Er sagt: «Im Kanton Zug machen wir das schon lange und weisen auch darauf hin, auch speziell bei Personen mit Migrationshintergrund.» Er könne aber nicht ausschliessen, dass das im Einzelfall auch einmal untergehen könne. Bei der Vielfalt von Contact-Tracern könnte es lokale Unterschiede geben. «Es schadet also nichts, wenn man die Contact-Tracer nochmals explizit darauf hinweist», sagt er. Als eigentliches Problem sei ihm der mangelnde Informationsfluss jedoch bisher nicht zu Ohren gekommen.

Pro Juventute begrüsst Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die nicht zu einschneidend seien, wie etwa an den Schulen die Maskenpflicht oder die regelmässigen Massentests. Auch Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen und Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich, beurteilte die wöchentlichen Tests an Schulen gegenüber der «Rundschau» von SRF als gutes Konzept.

Kinderarzt Berger schlägt Quarantänelockerungen vor: Kinder von Schulen mit regelmässigen Massentests sollen bei positiven Fällen nicht mehr in Quarantäne geschickt werden. Es sei nicht gefährlich, wenn Kinder untereinander Kontakt hätten. Ein Problem gebe es nur, wenn Kinder gefährdete Personen treffen würden. Dort sei die Eigenverantwortung der Eltern gefragt.

Zürcher Bildungsdirektorin plädiert für Lockerungen

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner stellt sich hinter Bergers Vorschlag: Das bedeute für die Kinder und Eltern eine Entlastung, bringe Ruhe in den Schulalltag und erhöht die Akzeptanz gegenüber dem repetitiven Testen, sagte sie auf Anfrage von CH Media. Gegenüber dem Blick sagte sie, der Kanton Zürich wolle die Quarantäneregeln für Schulen, die repetitiv testen, lockern. Sie hoffe, ein entsprechender Entscheid werde bald gefällt. Die Idee laute, dass bei einem positiven Pooltest nicht mehr die ganze Klasse in Quarantäne müsste. Und: «Kinder und Schulen, die an repetitiven Tests teilnehmen, sollten grundsätzlich von der Quarantäne befreit sein.»

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