Vaterschaftsurlaub
Schritt für Schritt zu mehr Ferien für Papa

Im Schweizerdeutschen gibt es das Wort «Urlaub» nicht, man spricht von «Ferien». Hierzulande erst recht ein Fremdwort ist der «Vaterschaftsurlaub». Von Gesetzes wegen steht einem Jung-Vater nur ein freier Tag zu.

Rinaldo Tibolla
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Einen freien Tag erhalten die meisten Väter in der Schweiz, wenn ihr Kind zur Welt kommt. Gleich viel wie für einen Umzug. Dies zeigt die gross angelegte Analyse des Arbeitnehmerverbandes Travail Suisse von 46 Gesamtarbeitsverträgen (GAV) mit rund 1,5 Millionen Angestellten.

Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden bekommt nur diesen einen Tag für die Geburt ihres Kindes zugesprochen. Bei weniger als einem Viertel der untersuchten GAV werden den Vätern mehr als fünf Tage Vaterschaftsurlaub gezahlt (siehe Grafik). Zu den «Flop-Branchen für Väter» zählt Travail Suisse das Gastgewerbe, das Baugewerbe, das Reinigungsgewerbe in der Deutschschweiz und den Personalverleih. Sie alle gewähren das gesetzliche Minimum von einem Tag. Als «bessere Branchen» werden Banken, Uhren- und Mikrotechnik und die MEM-Industrie bezeichnet, die allesamt fünf Tage gewähren.

«Das Fazit ist ernüchternd, wenn es eigentlich die Ausnahme ist, dass ein Arbeitgeber einem Angestellten einen Vaterschaftsurlaub gewährt, der diesen Namen auch verdient», so Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, gestern bei der Präsentation in Bern. Ein Vergleich der Erhebungen der vergangenen Jahre im öffentlichen Bereich mit der jetzigen zur Privatwirtschaft zeige, dass es keine grossen Unterschiede gebe. Eine Schere tue sich eher zwischen Gross- und Kleinbetrieben auf. «Aus unserer Sicht darf es aber eben nicht davon abhängen, wo ein Vater arbeitet», sagt Kuert Killer.

Frankreich: Den Vätern stehen 28 Wochen Urlaub zu. Allerdings werden bloss die ersten elf Tage, nicht aber die gesamte Auszeit finanziert. Im Zuge der Gleichstellung steht dem Mann dieselbe Anzahl Tage wie der Frau zu: Die Eltern sollen sich die Arbeit während eines Jahres teilen. Die Mutter erhält die ersten 16 Wochen vergütet.
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Luxemburg: Väter erhalten zwei ausserordentliche Freitage und können zusätzlich 6 Monate (26,4 Wochen) Urlaub beziehen, der zu 40 Prozent bezahlt ist. Mütter werden während 16 Wochen zu 100 Prozent unterstützt. Ihnen steht danach ebenfalls ein halbes Jahr Urlaub zu, das zu 40 Prozent finanziert wird.
Norwegen: Paare können fast zwei Jahre Elternurlaub beantragen. Davon stehen 14 Wochen den Vätern zu und 17 Wochen den Müttern. Zu 90 Prozent wird diese Zeit vom Staat finanziert. Danach muss das Paar 67 Prozent selber berappen.
Deutschland: Den Urlaub von insgesamt 14 Monaten teilen sich die Eltern in auf. Dem Vater stehen davon mindestens zwei Monate zu – allerdings erhält er nur knapp die Hälfte seines Lohns ausbezahlt. Die ersten 14 Wochen erhält die Mutter ihren vollen Lohn. Ab der 15. Woche ebenfalls etwas weniger als die Hälfte.
Deutschland: Den Urlaub von insgesamt 14 Monaten teilen sich die Eltern in auf. Dem Vater stehen davon mindestens zwei Monate zu – allerdings erhält er nur knapp die Hälfte seines Lohns ausbezahlt. Die ersten 14 Wochen erhält die Mutter ihren vollen Lohn. Ab der 15. Woche ebenfalls etwas weniger als die Hälfte.
Italien: Einen einzelnen freien Tag erhält ein Vater in Italien nach der Geburt, zwei zusätzliche kann er beantragen. Die Eltern können insgesamt 11 Monate Urlaub eingeben, wobei die ersten fünf Monate der Mutter finanziert werden. Danach zahlen die Eltern selbst 70 Prozent an den Urlaub.
Schweiz: In der Schweiz gibt es keinen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub. Der Vater kann am Tag der Geburt einen sogenannt «üblichen freien Tag» beantragen, wie bei Umzug oder Hochzeiten. Der Frau stehen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zu. Er wird zu 80 Prozent über die Erwerbsersatzordnung entschädigt.

Frankreich: Den Vätern stehen 28 Wochen Urlaub zu. Allerdings werden bloss die ersten elf Tage, nicht aber die gesamte Auszeit finanziert. Im Zuge der Gleichstellung steht dem Mann dieselbe Anzahl Tage wie der Frau zu: Die Eltern sollen sich die Arbeit während eines Jahres teilen. Die Mutter erhält die ersten 16 Wochen vergütet.

Nordwestschweiz

20 Tage flexibel beziehbar

Deshalb verleiht der Verband seiner langjährigen Forderung erneut Ausdruck: «Wir setzen uns für einen bezahlten und flexibel einziehbaren 20-tägigen Vaterschaftsurlaub ein», sagt Kuert Killer. Gemäss Berechnungen des Bundesrats würde dieser vierwöchige Ausfall (28 Taggelder) rund 384 Millionen Franken kosten. Laut Kuert Killer entspricht dies etwa 0,1 Lohnprozenten. Travail Suisse schwebt vor, dies über die Erwerbsersatzordnung (EO) zu finanzieren – analog dem Mutterschaftsurlaub. Dank den rückläufigen Diensttagen der Armee aufgrund der Redimensionierung würde die EO mehr Überschüsse erzielen. In zehn bis 15 Jahren würde der Überschuss die Kosten für die vier Wochen decken. «Mittelfristig wäre es also ein Nullsummenspiel», sagt Kuert Killer. Der Vaterschaftsurlaub würde auf ein Jahr nach der Geburt beschränkt und könnte in einzelnen Tagen bezogen werden. «So wäre es etwa möglich, 20 Wochen lang das Arbeitspensum um 20 Prozent zu reduzieren, was den Beginn einer Teilzeiterwerbstätigkeit des Vaters darstellen kann», schreibt Travail Suisse in seinem Communiqué. Mit diesem Modell hätten sowohl die Väter als auch die Betriebe die Möglichkeit, Teilzeitarbeit über mehrere Monate hinweg zu testen und bei guten Erfahrungen definitiv auf Teilzeitarbeit umzustellen.

Da das Modell «Vier Wochen» vor zwei Jahren knapp im Parlament gescheitert ist, will sich Travail Suisse «Schritt für Schritt» seinem Ziel annähern. Deshalb unterstützt der Verband zunächst die «mehrheitsfähigere» Idee von CVP-Nationalrat Martin Candinas (GR).

Die parlamentarische Initiative von Candinas verlangt zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, finanziert über die EO. Nach der Geburt des Kindes sollen dem Vater zehn arbeitsfreie Tage gewährt werden. Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-N) hat im April entschieden, das Anliegen zu unterstützen. Stimmt die Schwesterkommission des Ständerats ebenfalls zu, kann die SGK-N einen Gesetzesentwurf erarbeiten, über den dann das Parlament befindet.

Auf politischer Ebene sind jedoch auch andere Modelle vorgeschlagen und angedacht:

  • FDP-Nationalrat Andrea Caroni (AR) schlägt in einem Vorstoss einen «Elternurlaub» vor. Von den 14 Wochen Mutterschaftsurlaub soll der Vater einen Teil beziehen können. So werde das heutige System nicht ausgebaut, sondern «flexibilisiert». Der Bundesrat lehnt das Anliegen ab, da der Mutterschutz von 14 Wochen über ein internationales Übereinkommen geschützt sei und nicht geteilt werden könne.
  • Die Berner grüne Nationalrätin Aline Trede verlangt einen «Elternurlaub» von 18 Monaten, wovon mindestens 6 Monate der Vater beziehen soll. Trede erwähnt die Situation in anderen europäischen Staaten. Der Bundesrat lehnt auch diese Idee ab, da er «beträchtliche Kosten für die Wirtschaft» befürchtet. Als einen «mutigen Schritt» empfände es Kuert Killer, wenn sich der Bundesrat für eine schweizweite Regelung aussprechen würde, die es Vätern erlauben würde, nach der Geburt eine Pensum-Reduktion von 20 Prozent einzufordern – genau so, wie es das Bundespersonal schon kann.

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