Mit seinen pointierten Stellungsbezügen setzt sich Lukas Bärfuss regelmässig selber der Kritik aus. Seine Bereitschaft zur Auseinandersetzung macht ihn unter Schweizer Kulturschaffenden zu einer seltenen Erscheinung. Am vergangenen Dienstagabend, gut eine Woche vor der Bundesratswahl, tritt er mit seinem deutschen Schriftstellerkollegen Thomas Hettche im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg auf. Im Anschluss nimmt er sich Zeit für ein Interview.

Herr Bärfuss, Sie gelten gegenwärtig als einer der wichtigsten politischen Schriftsteller der Schweiz. Doch Ihr Bild vom Land ist düster. Vor zwei Jahren haben Sie geschrieben, die Politik habe den nationalen Karren so tief in den Dreck gefahren, dass keiner wisse, wie er jemals wieder fahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll. Sehen Sie das heute immer noch so?

Lukas Bärfuss: Natürlich. Und ich wüsste nicht, wie man das anders beurteilen könnte. Es ging bei diesem Bild um unsere Migrationspolitik, die durch die Masseneinwanderungsinitiative in einen unlösbaren Widerspruch mit den bilateralen Verträgen geraten ist. Alle wissen, dass wir dieses Problem nur mit einem grossen Selbstbetrug regeln konnten.

Die Initiative ist doch umgesetzt, der Konflikt mit der EU beigelegt.

Das Ganze endete mit einem Taschenspieler-Trick, dem Inländer-Vorrang light. Hätte ich für die Initiative gestimmt, wäre ich wütend. Das Vertrauen in die Politik jedenfalls hat nicht zugenommen.

Sie haben auch geschrieben, die Initiative sei vor allem aufgrund von ausländerfeindlichen Ressentiments angenommen worden.

Das habe nicht ich gesagt, das hat eine Nachwahlbefragung ergeben. Die Grundhaltung war entscheidend, die Angst gegenüber Fremden fiel zwanzigmal stärker ins Gewicht als etwa die Sorge um die Umwelt.

Die gleiche Stimmbevölkerung hat aber zwei Jahre später die Durchsetzungsinitiative abgelehnt.

Ja, da gab es eine andere Mehrheit. Das Resultat war jedoch nur unter Aufbietung aller Kräfte möglich. Es kam Bewegung in den politischen Betrieb. Das rechtsstaatliche Immunsystem wurde aktiviert. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es in der Bevölkerung einen grossen, einen wichtigen, einen wesentlichen fremdenfeindlichen Anteil gibt. Etwa 30 Prozent. Es geht einfach darum, dass diese Gruppe in der Minderheit bleibt.

Gehört für Sie jeder SVP-Wähler in die fremdenfeindliche Kategorie?

Natürlich nicht. Man findet auch in anderen Parteien Fremdenfeinde. Diese Menschen wollen unter sich bleiben, sie finden Einwanderung grundsätzlich etwas Schlechtes, im besten Fall ein notwendiges Übel, das wir beschränken müssen. Das ist Schutz des eigenen Arbeitsmarktes durch Migrationspolitik. Ich scheue mich nicht, diese Einstellung als fremdenfeindlich zu bezeichnen.

Haben Sie in Ihrem Umfeld Menschen, die SVP wählen?

Selbstverständlich kenne ich SVP-Wähler. Gerade heute früh hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Vater, der seinen Jungen im selben Fussballclub hat. Ich teile mit ihm das Land, die Institutionen. Es geht mir nicht um eine Stigmatisierung oder eine Dämonisierung. Ich kämpfe bloss dafür, wie gesagt, dass diese Haltung in der Minderheit bleibt.

In zwei Tagen ist Bundesratswahl. Wie haben Sie die Debatte bis jetzt erlebt?

Mit der Gelassenheit eines reifen Mannes, der nicht die ersten Bundesratswahlen miterlebt, der weiss, dass das Parteibuch vor dem Bundesratszimmer zum Glück abgelegt wird.

Glauben Sie das wirklich?

Der wichtigste Pro-Europäer in den letzten 40, 50 Jahren war ein SVP-Mitglied: Adolf Ogi. Niemand hat mehr zur europäischen Integration beigetragen als er mit seiner Verkehrspolitik. Gleichzeitig war einer der konservativsten Bundesräte SP-Mitglied: Otto Stich. Er betrieb eine höchst rigide Finanzpolitik. Und eine ehemalige Atom-Lobbyistin ermöglichte die Energiewende. Dies beweist, die Persönlichkeit, die politische Disposition der Person, ist wichtiger als das Parteibuch. Das Amt ist stärker als die Partei.

Was halten Sie von den Diskussionen über die angemessene Vertretung der Sprachregionen und Geschlechter im Bundesrat? Ist das ein Geplänkel für die Medien? Oder eine notwendige Debatte?

Es ist wichtig, dass die gesamte Bevölkerung in der Landesregierung abgebildet wird. Die grösste Minderheit wird jedoch niemals die Gelegenheit haben, in die Nähe eines Bundesratssitzes zu kommen: jenes Drittel der Schweizer Wohnbevölkerung, das keinen Schweizer Pass hat. Über zwei Millionen Menschen. Natürlich ist es legitim, dass die Tessiner einen Bundesrat wollen. Aber eigentlich müssten davor die Ausländer einen Bundesrat haben.

Ein ziemlich kontroverser Vorschlag.

Warum soll ein Mensch, der hier lebt, arbeitet, seine Kinder zur Schule schickt, Steuern bezahlt, nicht politisch mitbestimmen können? Nennen Sie mir ein Argument dagegen!

Man könnte sagen, dass die Staatsangehörigkeit eine Art Loyalitätsbekenntnis ist.

Einverstanden. Aber ich wurde nie nach dieser Loyalität gefragt. Ich war Schweizer, bevor ich überhaupt einen Namen hatte. Verbundenheit mit der Gesellschaft ist zentral, aber ich sehe nicht, warum ich diese Verbundenheit haben sollte und ein Mensch ohne Schweizer Pass nicht. Das ist eine willkürliche Einteilung.

Könnten Sie sich vorstellen, selber in die Politik einzusteigen?

Ich habe neulich einen Menschen getroffen, mit dem ich viel gemeinsam hatte. Er liebte die Literatur, er bewegte sich gerne in der Natur, er hatte Kinder, war ungefähr in meinem Alter. Eigentlich hätte ich mit ihm eine Partei gründen können, weil wir so viele gemeinsame Interessen teilen. Das Problem ist nur, dass dieser Mensch Chilene ist und ich ein Schweizer bin. Wir können keine Partei gründen. Die Welt, in der ich lebe, tauscht Information, tauscht Güter, tauscht Biografien, tauscht fast alles. Aber es gibt eine grosse Beschränkung: Das ist die Nationalstaatlichkeit.

Sind Sie gegen Landesgrenzen?

Wir alle sind mit natürlichen Grenzen konfrontiert. Ich bin von diesem Chilenen durch 13 Flugstunden getrennt. Aber die Grenzen, die der Nationalstaat zieht, sind nicht natürlich. Sie sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, und ich sehe nicht, wie man mit dieser Idee die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen soll.

Zurück in die Gegenwart: Seit den Wahlen 2015 haben FDP und SVP im Nationalrat eine knappe Mehrheit. Die Rede ist von einem Rechtsrutsch. Politisch hat sich das bis jetzt aber wenig ausgezahlt: Die Unternehmenssteuerreform III wurde vom Stimmvolk abgelehnt, die Energiestrategie angenommen; auch die Altersreform 2020 hat intakte Chancen an der Urne. Was machen die Bürgerlichen falsch?

Wenn ich 2015 rechtsbürgerlich gewählt hätte, wäre ich sehr enttäuscht. Ich würde mich fragen, was mit meiner Stimme passiert ist. Wenn die Leute, die eine politische Wahl gewonnen haben, erkennen, dass sich nichts in ihrem Sinne bewegt, verliert die Demokratie ihre Glaubwürdigkeit und die Ressentiments nehmen zu. Ich halte das für keine gute Entwicklung.

In Deutschland finden bald Wahlen statt, auch dort dürfte sich am Status quo wenig ändern: Angela Merkel wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder Bundeskanzlerin.

Ihre Beschreibung der Situation ist genau das, was Angela Merkel bezweckt. Sie ist an der Macht und will, dass die Menschen glauben, die Wahl sei eigentlich schon gelaufen. Das ist sie nicht! Alles lässt sich verändern. Aber damit sich auch tatsächlich etwas ändert, bedarf es eines Gedankens, eines Traums, einer Vorstellung. Dies zu formulieren, ist der Opposition bis jetzt nicht gelungen. Niemand weiss, was am 24. September geschieht. Aber wir sehen: Es herrscht ein Unbehagen in Deutschland.

Das deutsche Pendant zur SVP heisst AfD, die «Alternative für Deutschland». Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen den Parteien?

Die SVP ist im Gegensatz zur AfD keine Splitter- oder Randgruppe mehr. Bei uns in der Schweiz haben wir den Rechtspopulismus bereits in der Regierung. In gewisser Weise haben wir in den letzten 20 Jahren damit zu leben gelernt.

Und das Gedankengut?

Das ist nicht homogen, weder in der AfD noch in der SVP. Es gibt neoliberale, völkische, Anti-EU-Strömungen. In der SVP gibt es dazu staatstragende Sektionen, das fehlt in der AfD.

Das amerikanische Pendant zu AfD und SVP ist Donald Trump: Wie überrascht waren Sie über seine Wahl im November 2016?

Einige Wochen vor der Wahl stand ich bei mir in der Küche und hörte Radio. Da kam ein Bericht über eine Wahlveranstaltung von Hillary Clinton. Ich fragte mich, was geschehen müsste, damit ich sie wählen würde. Und ich fand nur einen Grund: ein Gegenkandidat wie Donald Trump. Sonst würde ich sie nie wählen. Nie.

Warum?

Weil ich finde, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner eine andere Politik verdienen. Aber darum geht es mir nicht. Wenn Frau Clinton für mich keine Option ist, wie muss es dann den Globalisierungsverlierern gehen? Und wir dürfen nicht vergessen: Donald Trump hat trotz allem eine Hoffnung formuliert, in einer schlichten, törichten Form: Make America Great Again. Aber so schlicht dieser Satz auch sein mag: Es gibt nichts Stärkeres als die Hoffnung. Sie stirbt tatsächlich zuletzt. Wem es gelingt, den Menschen eine Hoffnung zu geben, der erhält ihre Unterstützung.

Als Präsident scheint Donald Trump seine Versprechen aber nicht erfüllen zu können.

Nein, nicht ein einziges. Aber deswegen befällt mich keine Schadenfreude. Auch hier müsste man sich wünschen, dass sich der Wählerwille abbildet. Alle Leute, die aus Frust über die Zustände Trump gewählt haben: Wie frustriert müssen sie jetzt sein? Und: Wen werden sie als Nächstes wählen?

Trump hat viele Tendenzen, die man als anti-demokratisch bezeichnen könnte. Ist er der Beweis für den Verfall oder die Widerstandskraft der amerikanischen Demokratie?

Ich kann nicht in die Zukunft blicken. Aber die amerikanische Demokratie ist eine erstaunliche Sache. Sie besitzt eine enorme Integrationskraft. Und zudem ist das Verlangen der Menschen nach Freiheit und Veränderbarkeit ungebrochen. Die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, der Wunsch, dass es unseren Kindern einmal besser geht, das ist unausrottbar. Ich glaube an die Demokratie und an unsere Kinder, an die nächsten Generationen. Rückschläge sind leider unvermeidlich, das lehrt die menschliche Erfahrung. Das sollte uns nicht daran hindern, weiter an diesem Projekt zu arbeiten.