Basel

Schreckensvisionen für Kleinbasel?

Der hohe Ausländeranteil im Kleinbasel bringt viele Vorurteile mit sich.

Kleinbasel

Der hohe Ausländeranteil im Kleinbasel bringt viele Vorurteile mit sich.

Immer wieder werden Befürchtungen laut, Schweizer fliehen vor dem hohen Ausländeranteil aus dem Kleinbasel. Die Regierung winkt ab – und nicht nur sie. Statt Ängste vor einem von Schweizern entleerten Basel zu schüren, setzen die deutschsprachigen Kleinbasler auf Vernetzung und Integration – und die Basler Regierung auf ein echtes Interesse an den Neuzuzügern.

Besorgnis über die Schweizer Abwanderung aus Basel sowie die wachsende Anzahl Ausländer wird immer wieder öffentlich kundgetan. Auch in der Interpellation, die SVP-Grossrat Samuel Wyss kürzlich einreichte, und als deren Aufhänger ihm ein Informationsabend für deutschsprachige Eltern im Unteren Kleinbasel vom vergangenen November diente. Wyss ersuchte die Basler Regierung, die in andere Kantone abgewanderten Personen nach ihren Gründen zu befragen. Ob Steuern, Kriminalitätsrate, Immobilienpreise, Krankenkassenprämien, das Schulsystem, der öffentliche Verkehr oder der «hohe Migrantenanteil» für den Wegzug ausschlaggebend gewesen seien - und ausserdem, wie lange es dauern werde, bis Basel-Stadt nur noch Bewohner mit Migrationshintergrund habe, wenn sich der momentane Trend der Abwanderung der Schweizer Bevölkerung fortsetze.

«Es gibt Wegzügerbefragungen, man muss sie nur lesen», stellt Luciano Lippmann vom Statistischen Amt Basel-Stadt fest. Als Hauptereignisse der jüngsten Wanderanalyse fasst Lippmann den Zuzug von Ausländern aus dem Ausland sowie den Wegzug von Schweizern in die Agglomeration Basel zusammen. Dieser Tatbestand gelte seit ein paar Jahren für die Stadt Basel, eine Verstärkung dieser Tendenz lasse sich aber keinesfalls automatisch annehmen, da Bevölkerungsentwicklungen nicht gleichförmig, sondern wellenartig verliefen.
Was bei allen bisherigen Wegzügerbefragungen am meisten genannt worden sei, seien weder die hohen Steuern noch die vielen Ausländer, sondern die sogenannten «persönlichen Gründe». Für Details verweist Lippmann auf die jüngste Befragung, die im Auftrag des Regierungsrats 2008 durchgeführt wurde und auch eine Analyse der Wanderungsbewegungen zwischen 1990 und 2007 zum Inhalt hat. Mit dieser hat auch Regierungspräsident Guy Morin in der Grossratssitzung die Erledigung von Wyss' Interpellation begründet. Die Analyse beantworte fast alle Fragen derselben - ausser die letzte, die aufgrund der statistisch nicht erfassten beziehungsweise unklar definierten Bezeichnung «Bewohner mit Migrationshintergrund» nicht zu beantworten sei.

Ein Blick auf die Ergebnisse der Wanderungsbefragung 2008 zeigt als wichtigste Zuzugsquartiere Gundeldingen, St.Johann und Matthäus. Bei Schweizer Neuzuzügern ist das Bachletten- und Iselinquartier am beliebtesten, bei den Zugezogenen aus dem Ausland das Matthäusviertel. Was offensichtlich ist, und auch Samuel Wyss nicht entgangen ist, wird von der Befragung zwar bestätigt, nicht jedoch der Grund, weshalb der Elternabend für Deutschsprachige im Kleinbasel ins Leben gerufen wurde: Nicht die Angst vor oder der Wunsch nach Abgrenzung von Migranten sei ausschlaggebend gewesen, sondern im Gegenteil ein positives Gefühl dem eigenen Wohnquartier gegenüber, erklärt Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel, das zusammen mit dem Basler Erziehungsdepartement zum Elternabend lud.

Toll sei gewesen, dass Eltern, deren Kinder bereits im Kleinbasel zur Schule gehen, andere dazu ermuntern konnten, ihre Kinder ebenfalls dort einzuschulen. Entgegen hartnäckigen Gerüchten sei die Qualität der Kleinbasler Schulen nämlich hervorragend, betont Wernli und verweist auch auf die Verantwortung von Schweizer Eltern: Tricks, das eigene Kind via Tagesfamilie in einem anderen Quartier einzuschulen, seien genauso schädlich für das Zusammenleben im Quartier wie eine schlecht integrierte ausländische Familie.
Im Gegensatz zu wiederkehrender Besorgnis stünden die vielen Bemühungen, welche die Stimmung im Kleinbasel in den letzten Jahren verbessert hätten. Dass der Anteil an deutschsprachigen Kindern in den Kleinbasler Schulen zugenommen habe, sei allerdings auch den Deutschen zu verdanken, räumt Wernli schmunzelnd ein. Apropos: Mitte der 1990er-Jahre hat Deutschland das ehemalige Jugoslawien als wichtigsten ausländischen Herkunftsort der Zugezogenen abgelöst, wie die Wanderungsanalyse 2008 sagt.

«Der Elternabendwar ein Erfolg», fasst Theres Wernli zusammen. Ängste seien abgebaut, Kontakte geknüpft und konkrete Projekte wie der stärkere Austausch zwischen Schule und Wohnbevölkerung mittels einer «Arbeitsgruppe Schule» angepackt worden. Auch die Basler Regierung packt Neues an. Seit jüngstem heisst sie ihre Neuzuzüger mit einem Apéro feierlich willkommen. Anscheinend wendet sich das Blatt, und an Stelle der unbeantwortbaren Frage nach dem Zeitpunkt, wann auch noch der letzte Schweizer aus Basel verschwunden sein werde, tritt die Hinwendung zu den Zuzügern. Egal ob Schweizer mit oder ohne Migrationshintergrund, oder ob deutschsprachige Ausländer.

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