Wahlennachzug
Schon bald gibt es die SP nicht mehr

Vor acht Jahren war die SP die stärkste Partei in Wiedlisbach. Bei den Wahlen vom Sonntag kam sie gerade noch auf einen Wähleranteil von 16 Prozent. Verschwindet die SP bald aus Wiedlisbach? SP-Mitglied Jürg Gafner kennt die Antwort.

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Solothurner Zeitung

Marisa Cordeiro

Die SP in Wiedlisbach kränkelt. Das haben die Wahlen vom Sonntag gezeigt. SP-Mitglied Jürg Gafner geht sogar noch weiter und sagt: «Sie existiert schon fast nicht mehr.» Angesichts dessen sei er über die Entwicklung der SP in den letzten acht Jahren nicht erstaunt: Im Jahr 2001 war diese nämlich bei einem Wähleranteil von 40,24 Prozent noch die stärkste Partei im Froburger-Städtli. 2005 erlitt sie einen herben Verlust: Nur 26,2 Prozent aller Bürger gaben ihr damals die Stimme. Vergangenen Sonntag waren es noch geschlagene 16 Prozent.

Die BDP hat Parteilose im Visier

Noch verspürt die BDP Bipperamt-Region Wangen Aufwind: Seit ihrer Gründung Mitte September 2009 haben sich ihr «ungefähr» 30 Mitglieder angeschlossen, wie Parteipräsident Theodor Brogle, Wiedlisbach, sagt. Davon stammten etwa sieben aus Wiedlisbach. Bald würden zudem jene zur Sektion stossen, die sich zuvor der BDP Kanton Bern angeschlossen hätten. Brogle stellt fest, dass von ihren Mitgliedern zuvor die Mehrheit parteilos gewesen ist und in der BDP ihre politische Heimat gefunden hätten. Die ehemals Parteilosen seien denn auch ihre Hauptzielgrupp. «Es ist nicht unser Ziel, SVP-Mitglieder zur BDP zu holen», sagt er deutlich. Auch Brogle stellt fest, dass die jungen Leute fehlen. «Und daran wollen wir arbeiten», sagt er. Die Gespräche zu suchen, «in dem wir etwa sportliche oder kulturelle Events durchführen», sei dazu das A und O. Ziel sei es, bei den Wahlen der angeschlossenen Gemeinden mit geeigneten Kandidaten anzutreten um so eine Basis aufzubauen. (com)

Für Gafner steht dabei nicht der Rückwärtstrend im Vordergrund, sondern, dass die SP die 16 Prozent mit einem einzigen Kandidaten erreicht hat. «Wer weiss? Hätten wir zwei Personen zur Wahl stellen können, hätten wir vielleicht über 30 Prozent aller Stimmen bekommen», sinniert er.

Selber keine Lust mehr

Dass die SP vielerorts in der Schweiz schwächelt, hat Gafners Ansicht nach nichts mit der Situation in Wiedlisbach gemein. Schuld daran seien fehlende Mitglieder. Gegenwärtig zählt die SP-Ortssektion noch deren sechs, wovon Gafner der einzige Aktive ist. Auch die Gründe für die fehlenden Mitglieder kennt er: Interne Reibereien, den vergleichsweise hohen Mitgliederbeitrag und, dass sich der ehemalige SP-Gemeinderat Thomas Christinat mit dem Gemeinderat verkracht hat. Das alles habe die SP beim Stimmvolk nicht beliebter gemacht, findet er. Hinzu kommt, dass die SP jüngst ihre Gemeinderätin Sandra Mäder sogar an die BDP verloren hat.

Nach zahlreichen Jahren politischer Aktivität sei aber auch er allmählich amtsmüde, fährt Gafner fort. Zudem habe er weder auf eine «Ein-Mann-Partei» Lust, noch könne er als solche etwas erreichen. Deshalb wolle er eigentlich nächstes Jahr zurückstecken. «Und wenn niemand mehr kämpfen will, wird das Überleben schwierig», sagt er. «Manchmal muss eben etwas sterben, damit etwas Neues entstehen kann.» Doch ehe es um die SP in Wiedlisbach geschehen ist, glüht noch ein Funken Hoffnung auf: Gafner packt die Gelegenheit für einen Aufruf.

Gafner stellt grundsätzlich fest, dass im Unterschied zu städtischen Gebieten, auf dem Land die Parteien nicht mehr so gefragt sind. Ähnliche Beobachtungen macht auch Christine Steffen, Sekretärin der FDP. Manchmal komme es ihr vor, als würde sich die Aktivität einer Ortspartei darauf beschränken, im Vorfeld von Wahlen Leute für die Ämter zu suchen. «Dazu schreibt man sich kurzerhand einen Slogan auf die Flagge. Und sind dann die Wahlen vorüber, gerät die Parteipolitik wieder in den Hintergrund.»

Mühe, Farbe zu bekennen

Es sei sehr aufwändig, Leute für Kommissionen zu finden, geschweige denn für den Gemeinderat, fährt sie fort. Die häufigste Begründung sei «keine Zeit» oder: «Das traue ich mir nicht zu». Steffen stellt fest, dass es den Leuten heute auch schwer fällt, politisch Farbe zu bekennen. Ausserdem gebe es inzwischen so viele Freizeitaktivitäten, dass sich kaum mehr jemand einer Partei anschliessen wolle. Das zeige auch die grosse Anzahl der Sympathisanten, die die FDP zwar finanziell unterstützten, ihr aber nicht beitreten wollen. Die FDP zählt konstant zirka 20 Mitglieder, die auch eher überaltert sind.

In der Zeit von 1997 bis 2005 ist ihre Beliebtheit bei den Wiedlisbachern stetig gewachsen. Der Stimmenanteil nahm von 15,88 auf 34,36 Prozent zu. Vergangenen Sonntag betrug er noch 28 Prozent. Steffen betont, dass in Wiedlisbach Kopfwahlen stattfänden. Die neu ortsansässige BDP stelle für die FDP insofern eine Konkurrentin dar, als dass unzufriedene FDP-Sympathisanten zu ihr abwandern könnten.

Verhältnis wird sich einpendeln

Derweil fordert die BDP die SVP wesentlich stärker heraus. Während die SVP bei den Wahlen von 2005 noch mit fast 40 Prozent Stimmenanteil als klare Siegerin hervor ging, erzielte sie vergangenen Sonntag noch 26 Prozent. Für Parteipräsident und Gemeinderat Beat Berchten hat dies mit der Abspaltung der BDP zu tun. «Würde ihr bürgerliches Gedankengut der SVP zugute kommen, wären wir nach wie vor die Stärksten», sagt er. Nun aber müsse sich die SVP ihre Wähler und Mitglieder mit der BDP teilen.

Dass sich am Sonntag der Stimmenanteil zu etwa gleichen Teilen auf die BDP und die SVP verteilt hatte, habe damit zu tun, dass für beide zwei bisherige Gemeinderäte zur Wahl antraten. Wieviele Mitglieder und Wähler die BDP der SVP tatsächlich abzapft, werde sich erst weisen. «Was passiert mit der Demokratie, wenn sie nicht mehr wahrgenommen wird?», fragt Berchten und pflichtet mit diesem Ausspruch Gafner und Steffen bei. «Hier sind alle Parteien ratlos. Gäbe es ein Rezept, wie die politische Aktivität dem Volk beliebter gemacht werden könnte, würden wir es anwenden.»

Allgemein stellt Berchten fest, dass insbesondere den jungen Leuten auf dem Land die politische Kultur fehle. Auch die SVP mit ihren rund 40 Mitgliedern sei allmählich überaltert. Überhaupt sei es früher anders gewesen, sagt Berchten. «Da wurden an der Parteiversammlung noch Parolen gefasst. Heute braucht man das bei durchschnittlich acht Anwesenden nicht mehr zu tun. Heute bildet man sich die Meinung anders.» Um diesem Trend entgegen zu wirken versucht die SVP etwa an der Jungbürgerfeier mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten. «Und dieses Jahr haben sich an den Wahlen sogar zwei, drei Junge mehr beteiligt», sagt Berchten erfreut.

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