Tierwelt
Schneemassen machen Schweizer Wild zu schaffen: Kommt nun die Notfütterung?

Am meisten hat das Wild mit den meterhohen Schneemassen in der Schweiz zu kämpfen. Doch wer die Tiere füttert, kann sich strafbar machen. Und trotzdem überlegen sich Behörden, mit Nahrung nachzuhelfen.

Daniel Fuchs
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Wieder einmal haben sie es streng: Wildtiere wie diese beiden Hirschkühe im Schanfigg (GR) auf Futtersuche.

Wieder einmal haben sie es streng: Wildtiere wie diese beiden Hirschkühe im Schanfigg (GR) auf Futtersuche.

KEYSTONE

Normalerweise hat es am Churer Hausberg Calanda auch im Hochwinter schneefreie Flecken. Wind und Sonne setzen der Schneedecke örtlich so zu, dass nackter Fels und Grasnarben sichtbar werden. Das ist gut für das Wild. Wie die Gämsen und Steinböcke. Sie können sich an den aperen Stellen wie ihre Artverwandten in den schneefreien tieferen Lagen fast mühelos fortbewegen. Und finden so spärlich, für ihren reduzierten Wintermodus aber genügend Nahrung.

Nicht so in diesen Tagen. Eine dichte, durchfeuchtete Schneeschicht hat den Calanda regelrecht zugepappt. Bis Mittwoch war die Decke selbst an den sonnenexponiertesten Stellen noch nicht weg. Das ist schlecht für das Wild. Mit ihren kleinflächigen Hufen sinken sie tief in den Schnee ein. Die Futtersuche wird so zum Überlebenskampf. Vor allem in den schneereichen Gebieten vom Wallis über das Gotthardgebiet bis weit nach Graubünden.

Ruhe wichtiger als Fütterung

Ausgerechnet im meterhohen Schnee in den Bündner Bergen aber macht sich strafbar, wer Wildtiere zum Beispiel aus Mitleid füttert. Eine breite Koalition aus Jägern, Bauern und Umweltorganisationen hat einem Verbot letzten Frühling zum Durchbruch verholfen. Seit dem 1. Mai 2017 dürfen keine Futterkrippen mehr aufgestellt werden, und die Bauern müssen Nahrungsquellen, zum Beispiel herumliegende Siloballen, zwei Meter hoch umzäunen.

Die Angst vor der im angrenzenden Vorarlberg unter Wild grassierenden Tuberkulose-Seuche veranlasste sie schliesslich zum Handeln. Angesteckte Hirsche könnten die Krankheit über das Futter an das Vieh in den Ställen weitergeben.

Andere Argumente sprechen gegen die Wildfütterung: Rund um Futterstellen seien die Verbiss- und Schälschäden meist so gross, dass der Wald geschwächt werde, sagt Anita Wyss vom WWF Graubünden. Zum anderen leide auch das Wild selbst. «Wenn die Tiere zu fressen kriegen, schalten ihre Verdauungssysteme auf Sommermodus um», so Wyss.

Dabei könnten gesunde Rehe und Hirsche ihren Organismus so herunterfahren, dass sie den Winter gut überstünden. Die kalte Jahreszeit sei aber wichtig zur Regulierung der Population, «wobei klar ist, dass diese in einem strengen Winter wie diesem stärker ausfällt». Wer den Tieren helfen wolle, der solle vor allem eines unterlassen: Sie aufscheuchen, was viel überlebensnotwendige Energie kostet. Wildruhezonen sollen also nicht betreten werden, Hunde müssen an die Leine.

Paradox: Zwar hat es Graubünden verboten, Wild zu füttern. Trotzdem macht es sich Gedanken zu Notfütterung der leidenden Tiere. Darauf weist eine für heute angekündigte Medienmitteilung zum Thema hin. Im Nachbarkanton St. Gallen hält man nichts davon. «Notfütterungen machen wir nicht mehr, auch in einem strengen Winter nicht», sagt der Jagdinspektor Dominik Thiel. Eine Anfrage beim Kanton Graubünden blieb unbeantwortet.