Fragen und Antworten

Schlag gegen die Mafia: Die Verdächtigen betrieben unscheinbare Restaurants und Gartenbauunternehmen

Das Bundesamt für Polizei und italienische Behörden ermittelten in diesem Mafia-Fall seit 2016 gemeinsam.

Das Bundesamt für Polizei und italienische Behörden ermittelten in diesem Mafia-Fall seit 2016 gemeinsam.

Schweizer und italienische Ermittler haben am Dienstagmorgen eine Grossaktion gegen die Mafia lanciert. Worum geht es und wo in der Schweiz waren die Mafiosi aktiv? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die Bundesanwaltschaft spricht von einer «koordinierten Aktion» gegen Mafiosi aus dem Umfeld der kalabrischen «'Ndrangheta». Schweizer Ermittler haben gestern in den Kantonen Aargau, Solothurn, Zug und Tessin mehrere Hausdurchsuchungen durchgeführt. Eine Person wurde festgenommen. Gleichzeitig fand in Italien eine grossangelegte Aktion statt, bei der 74 Personen verhaftet wurden.

Worum geht es bei den Ermittlungen?

In der Schweiz wird gegen sechs Personen ermittelt. Die Vorwürfe lauten Unterstützung und Beteiligung an einer kriminellen Organisation, Geldwäscherei, Hehlerei sowie das Einführen, Erwerben und Lagern von Falschgeld. Auch wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz wird ermittelt. Die Bundespolizei und die Kantonspolizeikorps fanden Waffen, Munition und Bargeld. Im Aargau wurde ein Mann festgenommen, ein anderer sitzt bereits in Italien in Haft. Zwei Beschuldigte wurden einvernommen und wieder freigelassen.

Gegen wen wird ermittelt?

Es handelt sich um Italiener mit Wohnsitz in der Schweiz. Sie leben seit vielen Jahren hier. «Vermutlich ging die Ausführung illegaler Aktivitäten mit legalen Tätigkeiten einher», schreibt die Bundesanwaltschaft. Sie sollen Kredite vergeben haben, investiert oder ein Restaurant betrieben haben.

Was weiss man mehr über die Mafiosi?

Italienische Medien publizierten die Namen der 158 Beschuldigten. Darunter ist eine Reihe von Personen mit direktem Bezug zur oder Wohnsitz in der zur Schweiz. Gemäss Recherchen war ein Verdächtiger ein italienisches Restaurant im Aargau, ein anderer einen Gartenbaubetrieb.  Firmen im Aargau  sind an derselben Adresse gemeldet. Im Restaurant antwortet derzeit nur der Telefonbeantworter - der Betrieb sei wegen Ferien bis im August geschlossen. Auf Facebook sind Mitglieder der Familie mit einer ganzen Reihe von anderen Personen befreundet, die am Dienstag ebenfalls unter Mafia-Verdacht verhaftet wurden, oder deren Familienangehörigen.

Wie kamen die Schweizer Behörden den Mafiosi auf die Spur?

Der Anstoss kam aus Italien. 2016 meldete sich die Staatsanwaltschaft der Provinz Catanzaro bei den Schweizer Behörden. Sie ersuchte die Bundesanwaltschaft um die Gründung eines gemeinsamen Ermittlungsteams und meldete den Schweizer Ermittlern die Namen der in der Schweiz wohnhaften Verdächtigen. In der Folge gab es grenzüberschreitende Ermittlungen. Die Schweizer Behörden konnten auch zwei Kronzeugen in Italien befragen.

Was weiss man aus Italien zum Fall?

Die italienischen Behörden waren gestern ebenfalls aktiv – und in viel grösseren Ausmass als ihre Schweizer Kollegen. Die Rede ist von 74 Verhafteten, 158 Verdächtige, Beschlagnahme von Vermögenswerten für 169 Millionen Euro. Unter den Verhafteten befinden sich in Italien Exponenten der bekannten Mafia-Familie Anello aus Filadelfia in Kalabrien. Der Anello-Clan in der Provinz Vibo Valentia wird unter anderem mit Drogenhandel, Geldwäscherei, Waffenschieberei, Erpressung, Wucher, Schmuggel, illegalem Glücksspiel, illegaler Abfallbeseitigung, Steuerflucht, Betrug bei öffentlichem Aufträgen, Mord und so weiter in Verbindung gebracht. Auch ein bekannter ehemaliger Bürgermeister und Regionalpolitiker aus Kalabrien gehört zu den Verhafteten. Er soll zusammen mit seinem Bruder zugelassen haben, dass der Mafia-Clan der Anello-Fruci seine Tourismusunternehmen wie Hotels infiltrierte. Der Politiker war zunächst vom Clan erpresst worden, später arrangierte er sich mit ihm und liess von ihm protegieren.

Wie verästelt ist die Mafia in der Schweiz?

Im Tessin ist die Angst gross, dass sich die Mafia einnistet, gerade wegen der Nähe. So melden sich denn auch immer wieder Tessiner Parlamentarier mit Fragen an den Bundesrat. Doch auch im Bündner Misox und im Wallis werden aufgrund der Nähe zu Italien Aktivitäten der Mafia vermutet. Doch das Fedpol geht davon aus, dass die Mafia in der ganzen Schweiz aktiv ist. Für Schlagzeilen sorgte etwa vor einigen Jahren die sogenannte Frauenfelder Zelle, die im Thurgau aktiv war. Attraktiv ist die Schweiz nicht nur wegen der geographischen Nähe, sondern auch als Finanzplatz.

Wo steht die Schweiz im Kampf gegen die Mafia?

Im September 2019 kündigte das Bundesamt für Polizei (Fedpol) an, künftig verstärkt gegen die Mafia vorgehen zu wollen. Behörden von Bund und Kantonen sollen sich regelmässig treffen; ei ein nationaler «Aktionsplan Antimafia» wurde in Angriff genommen. Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle sagte damals gegenüber SRF, es bestehe ein wachsender Druck aus Italien und aus gewissen Kantonen. Man habe die Gefahr «bisher leider unterschätzt». Zu den Massnahmen der Schweiz gehört auch die Sensibilisierung von Steuerämtern, von Baubehörden, die Aufträge vergeben, oder von Handelsregisterämtern, die wichtige Informationen besitzen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1