Oma und Opa lassen den Dreijährigen auch 20 Steine in den Weiher werfen, lesen das Lieblingsbuch wenn nötig mehrmals vor und verlieren klaglos beim Memory, Uno und Mensch-ärgere-dich-nicht. Die Beziehung zwischen Enkeln und Grosseltern findet manchmal jedoch ein jähes Ende: bei der Trennung der Eltern.

Ein Recht auf die gesamte Familie

Auch Rita Boergershausen hat diese Erfahrung machen müssen. Mit Gleichgesinnten gründete sie vor 10 Jahren die Bundesinitiative Grosseltern (BIGE) in Deutschland. Die Schweiz folgte 2008 mit der Gründung der Grosselterninitiative. Das Ziel der Organisationen: Auch in strittigen Trennungsfällen sollen beide Grosseltern regelmässig Kontakt zu ihren Enkeln halten können. «Kinder haben ein Recht auf Mutter und Vater, sie haben aber auch ein Recht auf die gesamte Familie», sagt Boegershausen.

Jedes Jahr müssen in der Schweiz etwa 15000 Kinder die Trennung ihrer Eltern miterleben. Vor allem bei konfliktreichen Trennungen bricht das Verhältnis zu den Grosseltern väterlicherseits häufig ab. «Oft will die Mutter den Kontakt zur Familie des einstigen Partners nicht mehr aufrechterhalten. So sehr dies für die Mutter nachvollziehbar sein kann, ist dies mit Blick auf die Kinder zu bedauern», sagt Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut in München.

Verlust wichtiger Bezugspersonen

Denn die Kinder verlieren auf einmal die Hälfte ihrer Familie, manchmal wichtige Bezugspersonen. Viele Grosseltern spielen eine wichtige Rolle bei der Betreuung, insbesondere für Kinder unter 6 Jahren. Der Gesamtumfang der Kleinkindbetreuung durch über 50-jährige Personen (zumeist Grosseltern) entspricht einer jährlichen Arbeitsleistung im Wert von mehr als 2 Milliarden Franken, berechnete der Soziologe François Höpflinger von der Universität Zürich. Höpflinger führte die bislang grösste Untersuchung zum Verhältnis der beiden Generationen durch, bei der rund 700 Schüler und 600 Grosseltern befragt wurden. 9 von 10 Befragten betonten, wie wichtig ihnen ihre Beziehung sei.

Obwohl Grosseltern nicht direkt an der Erziehung beteiligt sind – das ist in der Regel von den Eltern nicht erwünscht –, übermitteln sie Familienwerte und Einstellungen, bieten einen Blick in die Familiengeschichte und leisten Beistand in Krisenzeiten, etwa wenn die Eltern sich trennen. Doch ein Recht auf Kontakt mit ihren Enkeln haben sie nicht und sind vom guten Willen der sorgeberechtigten Person abhängig, in der Regel die Mutter. «Die Grosseltern leiden häufig mehrfach. Einerseits mit ihren Kindern (Söhnen), anderseits persönlich, wird ihre Beziehung zu den Enkeln doch praktisch auf null abgebremst», sagt Oliver Hunziker, Präsident der Verantwortungsvoll erziehenden Väter und Mütter (VeV) und Repräsentant der Grosselterninitiative.

In Deutschland haben Grosseltern einen rechtlichen Anspruch auf Kontakt mit ihren Enkeln. «Aber es ist ein Gummiparagraf. Die Grosseltern müssen ihr Recht einfordern, sie müssen dem Gericht beweisen, dass es dem Kindswohl dient, wenn sie ihr Enkelkind regelmässig sehen dürfen», erklärt Boegershausen. In der Praxis ein schwieriges Unterfangen. Vorreiter ist in dieser Hinsicht Frankreich: Verweigert ein Elternteil Oma und Opa den Umgang mit dem Enkelkind, muss dieser die Gründe vor Gericht darlegen.

Einen Lichtblick gibt es auch in der Schweiz: In Zukunft sollen geschiedene Ehepaare automatisch die gemeinsame elterliche Sorge bekommen. «Indirekt kann sich die Situation für die Grosseltern damit verbessern, juristisch haben sie aber noch immer keine Handhabe», erklärt Hunziker.

Problematische Umsetzung

So wünschenswert ein gesetzlich verankertes Besuchsrecht aus Sicht der Grosseltern ist – die Umsetzung könnte problematisch sein. «Ein erzwungenes Besuchsrecht würde die Beziehung zur Mutter beziehungsweise zum Vater der Enkelkinder negativ beeinflussen», sagt der Soziologe François Höpflinger, «im Allgemeinen gilt aber: Je besser die Beziehungen der Grosselterngeneration zur Elterngeneration, desto besser sind auch die Beziehungen zur Enkelgeneration.»