Der Bergsturz vom 23. August gehört zu den grössten in der Schweiz seit über 130 Jahren. Die anschliessenden Murgänge beschädigten 99 Gebäude, ein Drittel davon kann nicht mehr genutzt werden. Die Räumung des Auffangbeckens und die Schäden an Strassen und Leitungen mit einbezogen, beziffert der Kanton Graubünden die Gesamtkosten der Katastrophe auf 41 Millionen Franken.

Offen bleibt bis heute die Frage: Konnte vorausgesehen werden, dass sich direkt im Anschluss an einen grösseren Bergsturz ein Murgang bildet? Nein, sagte die vom Kanton Graubünden eingesetzte Expertengruppe bei der letzten Medieninformation vom 15. Dezember. Von Kritikern wie dem Walliser Buchautor und Journalisten Kurt Marti («Tal des Schweigens») wird moniert, dass die Expertengruppe gar nicht unabhängig ist und das Val Bondasca wegen der Murganggefahr hätte gesperrt werden müssen. Auch in Beiträgen des Schweizer Fernsehens wurden die Behörden kritisiert, vor der Gefahr zu wenig gewarnt zu haben. Eine Untersuchung von Amtes wegen ist noch nicht abgeschlossen.

Bergsturz in Bondo - diese Bilder zeigen das Ausmass der Katastrophe:

Bekanntes Phänomen

Tatsache ist: Der unmittelbar nach dem Bergsturz ins Tal schiessende Murgang am 23. August hat sogar die Experten überrascht. Woher kam nur all das Wasser? Und das während einer ausgesprochenen Trockenperiode? Ohne Wasser ist ein Murgang nicht denkbar. Auch der Murgang vom Sommer 2012 war das Resultat eines heftigen Gewitters im Val Bondasca. Der Regen hatte damals jene Felsmassen mobilisiert, die seit dem Bergsturz vom Dezember 2011 am Fusse des Piz Cengalo lagen.

Unbekannt aber ist das Phänomen unmittelbar auf Bergstürze folgender Murgänge nicht, wie Christian Huggel, Geograf an der Uni Zürich, gegenüber der «Schweiz am Wochenende» sagt. «Wir wissen aus Ereignissen im Ausland, dass herabstürzendes Felsmaterial genügend Energie freisetzen kann, um Teile von Gletschereis wegzuschmelzen, wie das am Cengalo vermutlich passiert ist.» Mehr noch: Frei gewordene Energie könne Gletschereis sogar direkt verdampfen lassen. Das so geschmolzene Wasser sowie das Wasser aus den weggebrochenen Felsklüften oder noch anderen Ursprungs reichte also aus für den verhängnisvollen Strom aus Gestein und Schlamm, der sich durch das ganze Val Bondasca bis nach Bondo wälzte.

Sehr seltene Verkettung von Naturereignissen bei Bergsturz in Bondo

Sehr seltene Verkettung von Naturereignissen bei Bergsturz in Bondo

Interview mit Regierungsrat Mario Cavigelli (15. Dezember 2017)

Auch wenn Huggel betont, wie selten es schon nur zu einem solch gewaltigen Felssturz kommt, und einräumt, persönlich auch nicht mit einem Murgang unmittelbar nach dem Abbruch gerechnet zu haben, sind seine Aussagen unmissverständlich: «Der Murgang vom 23. August war zwar sehr speziell, aber es ist nicht so, dass es so etwas noch nie gegeben hat.» Huggel hofft, dass man die Variante einer solchen verhängnisvollen Kombination (Murganggefahr bei einem Felssturz auf Gletscher) vermehrt in die Gefahrenanalysen und Prognosen mit einbeziehen wird. Bondo solle als Lehrbeispiel dienen.

Ein Umdenken hat offenbar bereits eingesetzt. Die Experten des Kantons Graubünden warnen nun davor, dass die Bewohner von Bondo in den nächsten Jahren nicht nur bei starken Niederschlägen, sondern auch bei erneuten Bergstürzen mit kleineren und grösseren Murgängen rechnen müssen.

In den nächsten Jahren ist noch einmal mit drei Millionen Kubikmeter Fels zu rechnen, der am Cengalo abbricht. Das ist noch einmal so viel, wie am 23. August abgebrochen ist. Zudem liegen vom jüngsten Bergsturz noch etwa 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt im Val Bondasca. Material, das von Niederschlägen oder der Schneeschmelze im Frühling mobilisiert werden und als Murgang erneut bis Bondo vorstossen könnte.