SBB-Bussenregime
SBB-Topmanagerin lässt Firma mit irreführender Geschichte kulant erscheinen

Jeannine Pilloud, die Chefin des SBB-Personenverkehrs, erweckt in einer Kolumne von «Blick am Abend» den Anschein einer grosszügigen SBB – zu Unrecht, wie sich nachträglich herausstellt.

Thomas Schlittler
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Als Chefin des SBB-Personenverkehrs ist Jeannine Pilloud dafür verantwortlich, dass täglich 967 000 Passagiere pünktlich ans Ziel kommen – und wie mit Schwarzfahrern umgegangen wird. Am letzten Dienstag gaben die SBB bekannt, dass sie in Zukunft im Umgang mit Fahrgästen ohne gültiges Billett wieder «angemessene Kulanz» zeigen wollen.

Drei Tage später schildert Pilloud in ihrer Kolumne im «Blick am Abend» ein eigenes Schwarzfahrer-Erlebnis: «Meine Tochter und ich sind auf dem Heimweg in eine Kontrolle geraten. Wir hatten vergessen, unsere Mehrfahrtenkarte abzustempeln.» Die beiden profitieren jedoch von der Grosszügigkeit des Kontrolleurs und müssen nur eine anstatt zwei Bussen bezahlen.

Nachgefragt mit Pilloud: «Es geht nicht darum, ob und wo etwas stattfindet»

Frau Pilloud, Sie schreiben, dass Sie mit Ihrer Tochter «auf dem Heimweg» in eine Kontrolle geraten sind. Sie wohnen am Zürichsee. Also waren Sie im Ausland im Kino und sind dann auf dem Weg an die Schweizer Grenze gebüsst worden?
Jeannine Pilloud: Heimweg kann auch zum Feriendomizil heissen.

Wann und wo hat das Ganze stattgefunden?
Vor einem Jahr.

Haben Sie einen Beleg der Busse, der Ihre Geschichte belegt?
Wieso brauche ich das? Gibt es irgendeinen Hintergrund dafür? Das ist privat und ich bezweifle auch, dass das irgendjemandem nutzen würde.

Dem Leser der Kolumne wird suggeriert, dass das Ganze in der Schweiz passierte. Warum täuschen Sie die Leser?
Es geht hier um das Schwarz oder Weiss, nicht darum, ob und wo etwas stattfindet. Eine Kolumne eben. Ich suggeriere gar nichts. Schwarzfahren kann überall auf der Welt passieren.

Hand aufs Herz: Hat diese Episode wirklich stattgefunden?
Ja, hat sie. Soll ich einmal über meine Parkbussen schreiben? Ich weiss echt nicht, was Sie damit andeuten wollen.

Mir ist aufgefallen, dass Sie extrem viel erleben in Ihrem Alltag als Pendlerin. Ich pendle selbst jeden Tag, erlebe aber deutlich weniger. Haben Sie die Episoden tatsächlich alle erlebt?
Es ist meine Kolumne, es sind meine Erlebnisse. Deshalb auch der persönliche Blickwinkel. Eventuell ist Ihr Pendlerweg kürzer, somit haben Sie weniger Möglichkeiten? Aber das ist auch nur reine Spekulation.

Wer schreibt die Kolumne?
Ich selber.

E-Mail-Interview: Thomas Schlittler

Für den Leser der Kolumne ist klar: Die Geschichte spielt in der Schweiz und soll zeigen, wie tolerant die SBB-Kontrolleure sind. Schliesslich schreibt Pilloud vom «Heimweg» und von «wachsenden Tarifverbünden», die «unser Tarifsystem» nicht mehr für alle klar verständlich machen.

Auf Nachfrage gereizt

Die Szene kann sich allerdings nicht hierzulande zugetragen haben. Schliesslich hat Pilloud als Mitglied der SBB-Konzernleitung für sich und ihre Familie Anspruch auf ein 1.-Klasse-GA – und braucht deshalb keine Mehrfahrtenkarten abzustempeln. Auf Nachfrage der «Nordwestschweiz» sagt Pilloud, dass sich der Vorfall im Ausland abgespielt habe: «Nirgends steht, dass das in der Schweiz war. Korrekt? Es war im Ausland und wir haben eine Busse bezahlt.»

Die meisten anderen Länder kennen jedoch keine Mehrfahrtenkarten. Deshalb ist auch diese Version nicht ganz schlüssig und wirft die Frage auf, ob sich die Geschichte überhaupt so zugetragen hat, oder ob Pilloud die ganze Szene nur erfunden hat. Zumal die Kaderfrau auch auf mehrfache Nachfrage nicht sagen wollte, wo im Ausland das Ganze passiert sein soll. Auf weitere Fragen (siehe Box) reagiert die ausgebildete Journalistin gereizt: «Es handelt sich um eine Kolumne, wenn Sie während Ihrer Ausbildung richtig aufgepasst haben, wissen Sie, dass in einer Kolumne auch einmal Facts weggelassen werden, weil es um die Geschichte geht.»

Dominique Strebel widerspricht der Chefin von über 12'000 Angestellten. Für den Studienleiter der Schweizer Journalistenschule MAZ ist klar: «Auch mit einer Kolumne darf man den Leser nicht täuschen.» Bei der Kolumne von Frau Pilloud nehme der Leser aus den Umständen heraus an, dass die Ticket-Kontrolle in der Schweiz stattgefunden habe. Falls die Ticket-Kontrolle im Ausland stattgefunden habe, müsse sie im Text darauf hinweisen, so Strebel. «Ansonsten nimmt sie in Kauf, dass die Leser von falschen Tatsachen ausgehen, und verstösst gegen die Wahrheitspflicht.»

Kolumnen als Risiko

Für den Kommunikationsexperten Klaus J. Stöhlker ist der Fall klar: «Das war ein schwerer Fahrfehler von Frau Pilloud.» Er glaubt, dass das Vertrauen in die Kaderfrau unter dieser Geschichte leiden wird: «Wer Halbwahrheiten ausplaudert, wird zur Märchenerzählerin.»

Stöhlker findet es grundsätzlich heikel, wenn sich öffentliche Personen zusätzlich exponieren: «Kolumnen sind für Führungskräfte immer ein Risiko. Man muss extrem vorsichtig sein, was man schreibt.» Dass einmal mehr die Bundesbahnen ins Fettnäpfchen treten, überrascht den PR-Berater nicht: «Die SBB-Führung hat kein Rezept, um die Imagekrise zu meistern.»