Funkloch

SBB setzen auf fixes WLAN an Bahnhöfen - im Zug bleibt Surfen ein Ärgernis

Arbeiten mit dem Handy, Tablet und Laptop ist in Schweizer Zügen kaum möglich - die Internetverbidnung ist nicht für die moderne Arbeitswelt geschaffen.

Arbeiten mit dem Handy, Tablet und Laptop ist in Schweizer Zügen kaum möglich - die Internetverbidnung ist nicht für die moderne Arbeitswelt geschaffen.

Immer mehr Schweizer haben heute ein Smartphone. WLAN im Zug ist aber etwas, das bis heute nicht so recht funktionieren will - und auch nicht so schnell funktionieren wird. Die SBB halten WLAN in den Zügen für wenig sinnvoll.

Die SBB machen sich stark für flexible Arbeitszeiten und Home Office. Kürzlich präsentierten die Bundesbahnen eine Studie, in welcher positive Effekte dieses Arbeitsmodells hervorgehoben werden. Der Bericht zeigt aber auch, dass die SBB auf dem Weg zum mobilen Büro selbst ein Stolperstein sind: Während der Testphase steigerten die Studienteilnehmer ihre Arbeitszeit zu Hause von 14 auf 21 Prozent, im Zug hingegen nur von 9 auf 11 Prozent.

Wieso das so ist, sagen die SBB in der Studie gleich selbst: «Berücksichtigen Sie für Ihre Arbeiten im Zug, dass eine durchgängige Internetverbindung nicht gewährleistet ist.»

Die SBB bieten zwar in 75 Wagen der 1. Klasse WLAN an, dieses ist aber nicht kostenlos und je nach Auslastung der Waggons schlecht. Hinzu kommt, dass das Angebot nur auf den Hauptachsen verfügbar ist. Die SBB setzen beim Thema Internet im Zug aber ohnehin nicht auf WLAN. Einerseits rechtfertigen sie das damit, dass immer mehr Leute ein Pauschalabonnement mit unbegrenztem Datenvolumen haben – und deshalb nicht auf Gratis-WLAN angewiesen sind.

Zudem sei ein WLAN im Zug mehr Schein als Sein: «Nur weil ein WLAN-Signal im Zug verfügbar ist, haben die Kunden nicht automatisch eine schnellere Internetverbindung. Die Datenkapazität aus dem fahrenden Zug bleibt mit oder ohne WLAN gleich», sagt SBB-Mediensprecher Christian Ginsig.

Mehr Antennen lösen Problem nicht

Ein Blick nach Deutschland bestätigt diese Aussage. «Die Zeit» schrieb kürzlich über die Netzverbindung in deutschen Zügen: «Auf den prestigeträchtigen Schnelltrassen des ICE hat man häufig nicht einmal Handyempfang, geschweige denn drahtloses Internet.» Experten erklären das damit, dass sowohl beim WLAN als auch beim Mobilfunk entscheidend ist, mit welcher Geschwindigkeit und Qualität das Signal in und aus dem fahrenden Zug kommt.

Die Züge blockieren aufgrund ihrer Bauweise die Funkstrahlen und lassen nur eine reduzierte Bandbreite zu. Je mehr Passagiere auf die verfügbare Leistung zugreifen wollen, desto schlechter wird die Verbindung für den Einzelnen. In den Stosszeiten ist der Empfang deshalb besonders schlecht.

Hinzu kommt das Geschwindigkeitsproblem: Züge fahren mit über 100 Stundenkilometern. Die Handys, Tablets und Laptops der Passagiere müssen deshalb alle 40 Sekunden mit einem neuen Sendemasten verbunden werden – egal ob via WLAN oder Mobilfunknetz. Um diese Problematik zu lösen, werden zusätzliche Sendemasten gebaut. Noch wichtiger ist aber der Einbau von speziellen Antennen auf den Zugdächern.

Diese sogenannten Repeater installieren die SBB und Intraincom – ein Konsortium aus Orange, Sunrise und Swisscom. Im Februar kündigten die SBB an, dass bis Ende 2013 rund drei Viertel der Fernverkehrswagen mit Repeatern ausgerüstet sein werden. Ende 2014 soll der Prozess abgeschlossen sein.

Wird dann alles besser? Kaum, heisst es vonseiten der Swisscom. Die Situation in den Zügen werde sich gar noch verschärfen, weil immer mehr Kunden immer höhere Bandbreiten nutzen. Die Swisscom hat eine Forschungsgruppe gegründet, die herausfinden soll, wie in Zukunft mehr Leistung in den Zug gebracht werden kann. Wenn man den richtigen Weg gefunden hat, müssen entlang der ganzen Strecke die Antennen umgerüstet werden, wie auch die Antennen in den Zügen. Es ist deshalb von einem Zeitrahmen von mindestens zwei bis drei Jahren die Rede.

Schuld sind Smartphones

Die rasante Zunahme der Datennachfrage kam für die Telekomanbieter zu schnell. Die Technik hinkt hinterher. Begnügten sich die Passagiere vor nicht allzu langer Zeit mit SMS-Schreiben und Telefonieren, werden heute E-Mails gecheckt, mobile Newsportale gelesen und TV-Serien geguckt. Das erfordert massiv höhere Übertragungsraten.

Hinzu kommen wachsende Passagierzahlen. Mit der bestehenden Technik lässt sich ein Zug im Optimalfall mit 300 Megabit Daten pro Sekunde versorgen. Das muss dann – je nach Zuggrösse und Auslastung – für 1000 Leute reichen. Zum Vergleich: Die meisten Hausanschlüsse liefern heute 10 bis 100 Megabit pro Haushalt. Pro Kopf bleibt da deutlich mehr Leistung.

Die SBB investieren zwar in die Infrastruktur der Züge, grosses Vertrauen in eine rasche Verbesserung der Situation scheinen sie aber nicht zu haben. Anders lässt sich das geplante Gratis-WLAN in rund 100 Bahnhöfen nicht erklären. Mit diesem Angebot sollen Kunden dazu gebracht werden, grosse Datenmengen vor der Abfahrt auf ihre mobilen Geräte zu laden. Das würde helfen, die Datennachfrage im Zug zu reduzieren.

Für Kritiker ist Lösung «weltfremd»

Im August/September wird das kostenlose WLAN in drei kleineren Bahnhöfen lanciert. Kunden der grössten 31 SBB-Bahnhöfe müssen sich noch bis Mitte 2014 gedulden. Erst dann laufen dort die Verträge mit der Swisscom aus. Offen ist, für wie viele Minuten das Gratis-WLAN angeboten wird. «In Zürich oder Bern verbringt ein Kunde durchschnittlich sieben Minuten im Bahnhof. Realistisch ist eine Lösung zwischen 30 und 60 Minuten», sagen die SBB. Ein 24-Stunden-WLAN kommt nicht infrage, weil sonst Leute, die in der Nähe eines Bahnhofs wohnen, rund um die Uhr gratis surfen können. Daran hätten die Mobilfunkanbieter keine Freude.

Die WLAN-Strategie der SBB stösst bei Bahnexperten auf Kritik: «Die Lösung ist weltfremd», sagt Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Wer von einem Perron aufs andere umsteigen müsse, habe keine Zeit, grössere Datenmengen herunterzuladen.

Auch aus einem anderen Grund ist das WLAN im Bahnhof umstritten: Im Zug setzen die SBB nicht auf WLAN, weil immer mehr Kunden ein All-inclusive-Abonnement haben. Am Bahnhof soll WLAN dagegen eine sinnvolle Lösung sein – obwohl die Reisenden ihr Surf-Abo ja auch in den Bahnhöfen nutzen und dort ebenso wenig auf WLAN angewiesen sind. Die SBB widersprechen und verweisen auf die Vorteile eines fixen WLAN am Bahnhof. Dieses biete eine wesentlich schnellere Verbindung.

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