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SBB: Schmid lässt Meyer sitzen

Der Exodus in der Führungsetage der SBB geht weiter. Jürg Schmid verlässt das Unternehmen nach nur zehn Tagen im Amt. Bahnintern heisst es, sein Abgang sei ein Misstrauensvotum gegen SBB-Chef Meyer.

Jessica Pfister, Sabina Sturzenegger, Tobias Gafafer

Der Abgang von Jürg Schmid als Chef Personenverkehr der SBB kommt überraschend. Nach einer sechswöchigen Einführungszeit und zehn Tagen im Amt hat sich 47-jährige Zürcher entschieden, den SBB den Rücken zu kehren. Überraschend ist auch sein neuer Job – es ist nämlich der alte: Schmid wird ab Juni 2010 wieder als Direktor von Schweiz Tourismus (ST) arbeiten, wo er vor seinem SBB-Intermezzo bereits zehn Jahre als Direktor erfolgreich amtete.

Bei seiner Wahl durch den SBB-Verwaltungsrat im November hatte sich der Verkaufs- und Marketingfachmann noch auf die neue «Challenge» gefreut. Seinen abrupten Abgang begründet Schmid damit, dass der Job nicht seinen Vorstellungen und seiner Leidenschaft entsprochen habe.

«Ich kenne keinen zweiten Fall»

Fredy Isler, Berater aus Winterthur und früher beim internationalen Headhunter Spencer Stuart tätig, findet den Vorgang «sehr aussergewöhnlich». Umso mehr, als Jürg Schmid gewusst habe, was er bei den SBB antreffe. «Es kommt fast nie vor, dass jemand in einer Position wie Jürg Schmid wieder an seinen alten Posten zurückkehrt. Ich kenne keinen zweiten Fall», sagt Isler.

Er äussert jedoch eine Vermutung, weshalb Schmid wieder zu ST zurückkehr: «Schmid ist ein kreativer Mann. Bei den SBB sind die Strukturen ganz anders als bei der Tourismus-Organisation, wo er sein eigener Chef war und jetzt wieder wird.» Für die SBB sei dieser Verlust schade: «Den SBB hätte Schmid gut getan.»

Erstaunt ist auch SVP-Verkehrspolitiker und Transportunternehmer Ulrich Giezendanner über den neusten Wechsel an der SBB-Spitze. Für ihn ist klar: «Der Abgang von Schmid muss auch mit der Führung der SBB zu tun haben, offenbar hat er es unter Chef Meyer nicht ausgehalten.» Bei all diesen Abgängen müsse definitiv etwas im Argen liegen.

Nur wenig zu sagen

Bahnintern wird kolportiert, Schmids Abgang sei ein Misstrauensvotum gegen Meyer. Er habe offenbar rechtzeitig gemerkt, dass er nur wenig zu sagen haben werde. SBB-Sprecher Reto Kormann betont dagegen, dass es keine Probleme zwischen SBB-Chef und Schmid gegeben habe.

Glücklich ist man bei Schweiz Tourismus – und dies, obwohl die vierköpfige Findungskommission kurz davor war, nach einem aufwändigen Prozess eine Nachfolge für Schmid zu bestimmen: «Wir waren tatsächlich schon auf der Zielgeraden und wollten dem Gesamtvorstand demnächst drei valable Kandidaten mit einer Präferenz präsentieren», sagt Guglielmo Brentel, Vorstandsmitglied von Schweiz Tourismus.

Mit dem Entscheid von Schmid, die SBB zu verlassen, sei man plötzlich vor einer völlig anderen Ausgangslage gestanden. «Wir haben seine Kandidatur mit den anderen verglichen und entschieden, dass er die beste Wahl ist», so Brentel. Der Bundesrat habe in seiner heutigen Sitzung die Wahl des Direktors durch den Vorstand genehmigt.

Angst, dass Schmid bei der nächsten Gelegenheit wieder eine andere Stelle anstrebt, hat Brentel nicht: «Wir haben diese Frage natürlich gestellt, sind aber überzeugt, dass er heute sogar noch motivierter ist.»

Schlegel übernimmt

Während sich Schweiz Tourismus freut, müssen sich die SBB nun erneut um einen Nachfolger für die Division Personenverkehr kümmern. Sie haben gestern den Nachfolgeprozess eingeleitet. Der 62-jährige Urs Schleger, Leiter Immobilien, übernimmt ad interim die Leitung.

Er arbeitet seit 1981 bei den SBB. SBB-Chef Andreas Meyer: «Ich bin froh, dass wir rasch eine gute Lösung finden konnten für interimistische Leitung.»

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