Verspätungen

SBB-Pendler reagieren auf Schienen-Chaos mit Zorn, Humor und Fantasie

Verspätungen der SBB in Luzern (Archiv)

Verspätungen der SBB ärgern die Menschen (Archiv)

Verspätungen der SBB in Luzern (Archiv)

Auf Facebook und Twitter entlädt sich der Ärger über die Staatsbahn. Im Sekundentakt kommentieren die frustrierten Pendler, die in der Kälte an den Gleisen auf ihren Zug warten, das Chaos auf dem gesamten Schweizer Schienennetz.

Um 1 Uhr nachts kommt es in der Nacht auf Mittwoch beim Bahnhof Lenzburg zu einer Streifkollision einer S-Bahn und eines Güterzugs. SBB-Sprecher Christian Ginsig bleibt locker. „Für die Pendler ist noch in der Nacht ein Fahrplan-Konzept erarbeitet worden", sagt er stolz. Das SBB-Konzept besteht seine Praxistauglichkeit aber nicht. Das ist zumindest der Eindruck, den man auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter am Mittwochmorgen erhält.

Ich selbst versuche von meinem Wohnort Rüschlikon ZH zum Newsroom in Aarau-Telli zu gelangen. Normalerweise ist die Strecke dank S-Bahn, Umsteigen am HB, S-Bahn, Rennen auf den Bus Nr. 2 am Bahnhof Aarau innert nützlich Frist zu bewältigen, knapp über eine Stunde dauert mein Arbeitsweg von Tür zu Tür. Nicht so an diesem Mittwochmorgen. „Mach dich auf was gefasst", warnt mich um 8:01 Uhr ein ehemaliger Arbeitskollege, der von Olten nach Zürich pendelt. „Irgendwo im Aargau ist ein Zug entgleist. Chaos. Gruss, Leitstelle SBB Olten". Zu spät. Da stehe ich längst frierend am Bahnhof Rüschlikon und warte auf die S-8, die um 8:01 losfahren sollte. Der Monitor sagt: „ca. 7 Minuten verspätet". Höchste Zeit, um sich via Smartphone über die Lage auf dem Schienennetz zu informieren.

«Zirka 5 Minuten mehr Reisezeit»

Das Protokoll des Versagens liest sich ganz amüsant. Den Auftakt auf Twitter macht „Knighthood27" kurz nach 6 Uhr: „Hasst die Meldung ‚Zug fällt aus‘. Da hät ich auch gerne länger geschlafen." Sören R. beklagt sich kurz darauf: „Na toll. Da geht man extra früh auf den Zug, damit man keinen Stress hat und schon hat der Zug Verspätung." Er pendelt von Bern nach Zürich. @Olten informiert per Twitter seine Bürger vorbildlich mit einem Link auf die entsprechende SBB-Meldung: „Bitte rechnen Sie zirka 5 Minuten mehr Reisezeit ein" für den Fernverkehr Basel-Zürich beziehungsweise „zirka 10 Minuten mehr Reisezeit" für St. Gallen - Zürich - Lausanne. Für die S28 Zofingen-Lenzburg-Hunzenschwil werden Ersatzbusse angekündigt. SBB-Sprecher @ginsig meldet nach 7 Uhr: „Aufräumarbeiten nach Zugsentgleisung in Lenzburg sind angelaufen. Verspätungen im Morgenverkehr Zürich-Bern." Dazu stellt Ginsig ein Foto, das die Aufräumarbeiten in Lenzburg dokumentieren.

«5x Zug gefahren, davon 5x zu spät»

Die Emotionen bei den Pendlern kochen zum Teil hoch: „Figg di SBB mit dine 13min verspötig!" tobt eine junge Frau und ergänzt: „Es isch z'chalt zum warte." GA-Besitzer David J. verwendet den Hashtag #angrypendler und hält fest: „Seit Fahrplanwechsel 5x Zug gefahren, davon 5x zu spät und 2x Anschluss verpasst! Wer will mein GA?!?" Auch Jannik M. ist sauer: „Bravo, SBB! Neuer Fahrplan und wieder Verspätung! Und dann noch Preise erhöhen?" Stefan H. aus Zug meldet auch aus der Innerschweiz Probleme: „Chaos rund um Zug. ‚Grund dafür ist ein Polizeieinsatz‘." Wirklich? Eine zweite Quelle für eine entsprechende SBB-Lautsprecherdurchsage findet sich nicht.

Doch so mancher Pendler nimmt die chronischen Verspätungen auch mit Humor. So wie Francesco A.: „Verspätungen für alle. Wer hat noch nicht, wer will noch mal?" Oli D. fragt maliziös: „Hat die SBB zwischen Zürich und Luzern den Viertelstundentakt eingeführt? #ViertelstundVerspätung". Myriam D.C., die führende Cyberwar-Expertin der Schweiz, steht offenbar auch irgendwo in der Kälte und entwickelt Verschwörungstheorien: „OK. SBB and ZVV. Really lame performance. Unless it's a cyberterrorattack."

«Winter und SBB vertragen sich nicht»

Oder Julia M.: „Die SBB so: oh, Schnee, das legt unser ganzes Netzwerk lahm, das konnten wir gar nicht voraussehen, total unabsehbar." (Von der nächtlichen Kollision in Lenzburg weiss Julia M. wohl nichts). Andrijana K. glaubt auch, das Chaos habe mit dem Schnee zu tun: „Do every fuckn train has to be delayed?! SBB is soooo overextended with a little snow! Ooh gosh. #HateIt". Roman P. freut sich auf den März: "Winter und SBB vertragen sich nicht. Heute wieder Probleme. Aber bald ist ja wieder Frühling."

Mac Miller ist um 8 Uhr ziemlich erbost: „Ah geil, 17 min verspötig. SBB waaaaaas macheeeeed ihr????!!!! Schaffed emall!!!" Sein Plan B scheitert, weil diese Alternativverbindung offenbar 11 Minuten Verspätung hat. Kurz darauf liegen Millers Nerven blank: "Jetzt isch er sogar vom Display verschwunde. SBB wender mich verarsche?"

"Nordwestschweiz"-Sportreporter Dean F. freut sich über die vielen Lautsprecherdurchsagen im ICN von Aarau nach Basel: "In den letzten 20 Minuten wurden wir bereits 4 Mal im ICN von Aarau-Basel begrüsst. Der Zug steht aber weiterhin in Aarau. #SBB-Lockout?" Eishockey-Experte Marcel K. gibt ihm aufmunternde Tipps: "Ich würde auf meiner Forderung beharren, dass der Zug nach Basel fährt. Nicht nachgeben!" Dean F. ist begeistert: "Mach ich! Jetzt fragt eine SBB-Dame, ob jemand einen wichtigen Flug oder Anschluss habe. Scheinen verhandlungsbereit."

«Sehr geehrte Fahrgäste...»

Philippe aus Rupperswil wundert sich über die Terminologie der SBB: "Entleisung nennt man das also bei der SBB, wenn zwei Züge kollidieren?" Und Marcel H. wundert sich ebenfalls: "Zugsausfall wegen kurzfristiger Personaländerung - auch nicht schlecht, liebe SBB". Hajd T. mag die Meldungen aus dem Lautsprecher gar nicht mehr hören: "Sehr geehrte Fahrgäste auf... -- shut up, SBB!"

Andreas R. wagt einen gewagten Vergleich mit der Deutschen Bahn: "Respekt, SBB! 21 Minuten Verspätung bei einer Verbindung von unter 1 Stunde kennt man ansonsten nur von der Deutschen Bahn..."

«Bilder wie aus dem Russlandfeldzug»

Mein Freund Ralph D., der mich ein paar Minuten zu spät vor dem drohenden SBB-Chaos gewarnt hat, berichtet auf Facebook live in virtuosen, fantasiereichen Statusmeldungen von seinen Abenteuern auf der Strecke Olten - Zürich HB. "Zug vor Lenzburg gestrandet. Laufen jetzt über Felder und durch Wälder und erfreuen uns der prächtigen Winterlandschaft. Bilder wie aus dem Russlandfeldzug. Die Mädels in den Nuttenstiefelchen geben ein erbarmungswürdiges Bild her. Hoffentlich wird bald Glühwein ausgeschenkt. Mit Rollköfferli ist man nun aufgeschmissen. Jetzt ist mir auch noch das verfickte iPhone aus den angefrorenen Händen gefallen. Ungute Szenen spielen sich hier ab. Ich kehre glaub um. Ich so: Komm mir langsam vor, wie wir bald erfrieren und uns gegenseitig auffressen. Wie in einem Buch von Stephen King. Nuttenstiefelchen: Ach, der hat ein Buch geschrieben? Ich kenn nur seine Filme! Habe beschlossen, mir im nächsten Spital Ohren und Mund zunähen zu lassen. Ich halt‘s nicht mehr aus."

Ich selbst treffe übrigens nach 2 Stunden Warten & Pendeln erschöpft im Newsroom in Aarau ein. Und wage gar nicht erst an den Heimweg zu denken. Denn: Hat die SBB nicht heute Morgen früh für den 12.12.12. Störungen auf dem Schienennetz bis „23.59 Uhr" angekündigt?

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