Online-Tickets
SBB machen bei der Billettpflicht Kehrtwende

Ab Dezember hagelt es bei der SBB für Schwarzfahrer happige Bussen. Als Schwarzfahrer gilt dann auch, wer dem Kontrolleur ein Handy-Billet zeigt, das er wenige Sekunden nach Abfahrt des Zuges gelöst hat. Nun wollen die SBB diese Regelung überdenken.

Roman Schenkel
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Künftig werden im Zug keine Tickets mehr verkauft. Wer keines hat, muss einen saftigen Aufschlag bezahlen.

Künftig werden im Zug keine Tickets mehr verkauft. Wer keines hat, muss einen saftigen Aufschlag bezahlen.

Keystone

Wer nach einem Spurt übers Perron und einem Sprung durch die zischend schliessende Tür den Zug noch erwischt, dann sein Smartphone zückt und via SBB-App ein Zugticket löst, der erhält vom Billett-Kontrolleur vielleicht ein paar anerkennende Worte für seine Sportlichkeit. Für das gelöste Billett aber gibt es Tadel. Denn: Ein Zugbillett, das nach der Abfahrt gelöst wird, ist ungültig. «Der Kunde muss vor der fahrplanmässigen Abfahrt des Zuges im Besitz des MobileTickets sein», so steht es klipp und klar in den Verkaufskonditionen der SBB für das Mobile-Ticket, das via Handy gelöst werden kann.

Bis im Dezember 2011 muss der Kunde dem Kontrolleur einen Zuschlag von 10 Franken bezahlen. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember wird es aber erheblich teurer. Dann führen die SBB die Billettpflicht für die Fernverkehrszüge ein – im Regionalverkehr gilt diese Regel schon lange. Der neue Grundsatz: Wer kein Billett hat, ist ein Schwarzfahrer – und zahlt neben dem Billettpreis einen Zuschlag von 90 Franken. Ausserdem wird er von den SBB in einem Register erfasst und muss als Wiederholungstäter erst 130 Franken, beim dritten Mal 160 Franken bezahlen.

Die SBB wollen damit verhindern, dass der Bahn in Zukunft «Erträge im zweistelligen Millionenbereich» entgehen. Denn immer mehr Passagiere würden darauf spekulieren, dass sie in vollen Zügen gar nicht kontrolliert werden.

SBB wollen Ausnahmen definieren

Der Passagier, welcher nach Zugabfahrt sein Ticket via Smartphone löst, müsste also statt zehn, 90 Franken Zuschlag bezahlen. Müsste, denn die SBB überprüfen vor Einführung der Billettpflicht ihre Kulanz-Regeln. Für Touristen und Menschen, die nicht mit Billettautomaten zurecht-kommen, haben die SBB schon Ausnahmeregelungen angekündigt.

Nun soll es zusätzlich kulantere Regeln für die Mobile-Tickets geben. «Aufgrund der Reaktionen auf die Ankündigung der Einführung der Billettpflicht überprüfen wir unsere heutigen Kulanz-Regeln», sagt Stefan Nünlist, Leiter Unternehmenskommunikation SBB. «Unter anderem prüfen wir, ob die heutige Praxis des Billettkaufs über elektronische Kanäle bis zur Abfahrt nicht etwas gelockert werden könnte», sagt Nünlist. Wie genau die Lockerungen aussehen werden, wollen die SBB noch nicht sagen. «Die entsprechenden Entscheide sind noch nicht gefällt», so Kommunikationschef Nünlist.

Eine möglich Variante ist die Einführung einer bestimmten Frist, innert welcher das Mobile-Ticket gekauft sein muss. Zum Beispiel: Der Kauf eines Tickets via Smartphone muss bis spätestens drei oder fünf Minuten nach Zugabfahrt erfolgt sein. Für Kurzstrecken wie beispielsweise Aarau–Lenzburg müssten Sonderregeln eingeführt werden.

Für die Anpassungen der Regel gibt es zwei Gründe: Einerseits fielen die Reaktionen der Bahnkunden auf die Billettpflicht geharnischt aus: «Kundenfeindlich» sei die neue Praxis, ein «Abriss» die hohen Zuschläge, die Passagiere würden «kriminalisiert», so die Kommentare auf dem Onlineportal der az, als die SBB im Juni die Einführung der Billettpflicht bekannt gaben. Solche Kundenreaktionen hat man auch bei den SBB wahrgenommen.

Online-Ticket-Verkauf fördern

Andererseits wollen die SBB den Absatz über den Online-Kanal fördern. Der Vertriebskanal via SBB-App ist stark wachsend und für die SBB attraktiv: Im Januar 2011 verzeichneten die SBB den millionsten Mobile-Ticket-Verkauf. Der Umsatz hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt, 2010 stieg er auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Und dies, ohne dass die SBB einen zusätzlichen Verkaufsschalter bauen mussten.

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