Als der Zug in Erstfeld in den Tunnel raste, verstand man SBB-CEO Andreas Meyer kaum noch. Der ältere Waggon, in den die Bundesbahnen die Gruppe Journalisten gebeten hatten, war nicht genügend schallisoliert, um bei der hohen Geschwindigkeit durch den Gotthardtunnel zu rasen. Im gleichen Wagen ist 1984 ja auch bereits Papst Johannes Paul II. durch die Schweiz gefahren. Damit versinnbildlicht die Situation auf der SBB-Pressefahrt vom Mittwoch auch das Problem der Bundesbahnen: Der Gotthard-Basistunnel eröffnet der Staatsbahn nie da gewesene Möglichkeiten, doch sie kann diese noch nicht überall ausnützen.

Die Passagiere stünden bereit. In den ersten acht Monaten seit der Gotthard-Basistunnel auch für den Personenverkehr freigegeben ist, transportierten die SBB rund 2,3 Millionen Fahrgäste. Die Anzahl Personen, die sich täglich auf dieser Strecke zwischen Deutschschweiz und Tessin bewegen, stieg auf rund 11'000. Vor der Eröffnung des Tunnels waren es 8500. Das ist eine Zunahme um 30 Prozent. Der Ansturm war so gross, dass es zu Engpässen kam. Erst kürzlich mussten Personen in Arth-Goldau aus einem überfüllten Zug ins Tessin wieder aussteigen und auf eine spätere Verbindung warten. Die Pendler beschwerten sich darüber bei der Zeitung «20 Minuten».

«Bitte reservieren!»

An der Pressefahrt beteuerte Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr, man wirke den Engpässen mit Extrazügen und zusätzlichen Verbindungen entgegen. So fährt seit kurzem ein zusätzlicher Zug am Sonntagabend die Strecke. Dennoch rief sie die Passagiere dazu auf, Sitzplätze zu reservieren.

Noch Kapazitäten frei haben die SBB im Güterverkehr. Dieser Bereich wuchs auf der Gotthardstrecke nur um sechs Prozent. Das Potenzial des Tunnels sei «bei weitem nicht ausgeschöpft», heisst es bei SBB Cargo.

Theoretisch könnten pro Tag 170 Güter züge durch den Gotthard donnern. Tatsächlich sind es 80. Dabei wurde der Gotthard-Basistunnel in erster Linie für den Güterverkehr geschaffen.
Für das magere Resultat machen die SBB die Wirtschaftslage verantwortlich. Man spüre, dass Betriebe die Produktion ins Ausland verlagert hätten.

Die schlechten Zahlen der SBB

Cargo gingen an der Pressefahrt etwas unter. Dafür sorgte ein Heuler: Ein neuer Superzug soll künftig zwischen Zürich und Mailand verkehren. Der «Superveloce» soll die Strecke in zwei Stunden und 45 Minuten meistern. Wann der Zug fahren soll, ist aber unklar. Das Projekt sei noch in der Werkstatt-Phase, betonte Personenverkehrschefin Pilloud. CEO Andreas Meyer liess sich immerhin zur Aussage hinreissen, man wolle den Zug bis zur Eröffnung des Ceneri-Tunnels 2020 auf die Schiene bringen.

Bereits auf den Fahrplanwechsel am 10. Dezember soll es weitere Verbindungen ins Tessin geben: Je eine frühe Verbindung von Basel und Luzern nach Locarno und einen Zug von Frankfurt über Luzern nach Milano, der auf dem Rückweg durch den Lötschbergtunnel und Bern fährt.

Giruno: Das ist der neue Superzug der SBB

Schon im Mai haben die SBB den Gotthard-Hochgeschwindigkeitszug "Giruno" präsentiert. Die neuen Züge rollen ab Ende 2019 auf der Gotthard-Linie bis nach Mailand.

Die Sache mit Italien

Die SBB streben eigentlich mehr Direktverbindungen zwischen Schweizer und italienischen Städten an. Doch es harzt auf beiden Seiten. Die Züge der SBB sind zu langsam, um auf
den Hochgeschwindigkeitsstrecken etwa nach Rom zu fahren. Gleichzeitig wollen die Italiener ihre schnellen Züge nicht dem Zugersee entlang bummeln sehen, weil sie um den Ruf ihrer Roten Pfeile (Frecciarossa) fürchten. So zumindest stellen es die SBB dar.

Ganz andere Sorgen hat Karin Blättler von «Pro Bahn». Sie freute sich zwar darüber, dass sie als Vertreterin der Passagiere offiziell sprechen durfte (ein Novum). Ansonsten übte sie Kritik:
Die alte Bergstrecke sei zu lange vernachlässigt worden. Dabei habe man genügend Zeit gehabt, sich ein Konzept zu überlegen. Dass die Südostbahnen künftig die Strecke bedienen werden, wie unlängst bekannt wurde, freut Blättler zwar, kommt ihr aber zu spät.

Als der Pressewagen auf der anderen Seite des Gotthards zum ersten Mal anhielt, hatte sich die Kunde vom geplanten Superzug im Tessin bereits verbreitet. Stadtpräsident Mario Branda erkundigte sich bei SBB-CEO Meyer, ob denn der Zug nicht auch in Bellinzona (immerhin die Kantonshauptstadt) halten werde. Das werde man dann sehen, lächelte Andreas Meyer. Auch das ist sinnbildlich für die SBB. Sie sollen es allen recht machen. Doch wenn sie dies tun, wird der geplante Superzug nicht «Superveloce», sondern super lento. Superlangsam statt superschnell.

SBB Fahrplan 2018: Westschweiz, Einschränkungen im Fokus

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Bern - 19.05.17 - Vom Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2017 dieses Jahres profitiert vor allem die Westschweiz. Die SBB bietet auf ihrem Streckennetz in der Romandie mehr Direktverbindungen und mehr Sitzplätze an. Im kommenden Jahr müssen sich Bahnreisende im Viereck Luzern-Olten-Basel-Zürich auf umfangreiche Bau- und Unterhaltsarbeiten einstellen.