Erstmals haben die SBB in ihrem Jahresbericht veröffentlicht, wie viele Suizid-Versuche auf dem 3000 Kilometer langen Schienennetz nicht tödlich endeten.

64 Menschen haben 2013 mit teilweise schwersten Verletzungen überlebt. 123 Menschen haben sich das Leben genommen.

Belastend und traumatisierend sind die Versuche für Beteiligte gleichermassen. «Sich vor den Zug zu werfen, ist eine äusserst aggressive Handlung vor allem auch für die Menschen, die einen solchen Tod mit ansehen müssen», sagt Heidi Aeschlimann gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag». Sie ist Notfallpsychologin und betreut Betroffene teilweise noch an der Unfallstelle.

Besonders grosse Auswirkungen haben die Personenunfälle nicht nur für die Angehörigen, sondern vor allem auch für die Lokführer. Fast jeder ist während seiner Laufbahn einmal mit einem Suizid konfrontiert.

«In diesem Beruf ist dies leider eine traurige Tatsache», sagt Peter Moor von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). Die Auswirkungen können für den einzelnen Lokführer gravierend sein. «Zwar können die meisten nach einer gewissen Zeit wieder fahren, doch häufig leiden sie noch unter sogenannten Flashbacks.» Das heisst, sie erleben in Gedanken das Geschehene immer wieder und können die Bilder nicht vergessen. Deshalb rät Moor strikt davon ab, Blumen am Unfallort aufzustellen, denn dadurch wird der Lokführer noch stärker an den Suizid erinnert.

Den SBB ist die Belastung der Lokführer bewusst. «Suizide beschäftigen unsere Mitarbeitenden stark. Deshalb hat das Thema bereits in der Ausbildung seinen festen Platz», sagt SBB-Sprecher Ginsig. Seit diesem Jahr verstärken die SBB zudem ihre Präventionsmassnahmen. So haben sie einen externen Experten beigezogen und erste Neuerungen beschlossen.

Künftig hängen mehr Tafeln der «Dargebotenen Hand» mit der Telefonnummer 143 an Bahnhöfen und auch entlang der Gleise.

3 Selbstmorde pro Tag

Schweizweit nehmen sich jährlich 1100 Menschen das Leben. «Bis anhin haben Bahnsuizide als ziemlich sichere Methode gegolten. Ich erhoffe mir, dass die neuen Zahlen der gescheiterten Suizid-Versuche aufrütteln», sagt Aeschlimann.

Die Notfallpsychologin sieht aber vor allem auf Bundesebene Handlungsbedarf. Heute investiert der Bund in die Suizidprävention jährlich 100 000 Franken. Zum Vergleich: Bei der Verkehrssicherheit sind es Hunderte Millionen Franken. «Das ist absurd, zumal dreimal mehr Menschen durch Suizide sterben als auf der Strasse», sagt Aeschlimann. (SaS)