Wer im Winter mit dem Zug unterwegs ist, dem stellt sich spätestens beim Platznehmen die Gretchenfrage: Jacke ausziehen oder anbehalten? Die meisten Pendler entscheiden sich jeweils für die bequemere Variante und ignorieren den Kleiderhaken auf der Seite des Fensterplatzes. Dabei heizen die SBB die Züge in den Wintermonaten auf 22 Grad Celsius – viel zu warm für Jacke und Schal.

Ab heute wird es in vereinzelten Zürcher S-Bahnen jedoch spürbar kälter. Die SBB lancieren ein Testprojekt und senken bis zum 4. Februar in einigen Zügen die Raumtemperatur um 2 Grad auf 20 Grad Celsius. Das Unternehmen erhofft sich dadurch «massive Stromeinsparungen», wie es in einer Mitteilung heisst. Wir beantworten die sechs brennendsten Fragen zur Temperatursenkung.

1. Wie viel Strom könnten die SBB pro Jahr einsparen?

Eine Menge. SBB-Mediensprecher Reto Schärli rechnet vor: «Wenn alle über hundert Fahrzeuge des Typs DPZ+ – das ist die erste Generation der Zürcher S-Bahn – auf 20 Grad Celsius als Richtwert eingestellt werden, ergäbe das jährlich Einsparungen von 1,6 Gigawattstunden. Dies entspricht dem Stromverbrauch von rund 400 Haushalten.»

Und würde die Temperatur gar in sämtlichen Fahrzeugen der Zürcher S-Bahn angepasst, könnten 3,7 Gigawattstunden Energie gespart werden – das entspräche dem Verbrauch einer 2200-Einwohner-Gemeinde.

2. Ist eine Temperatursenkung auch in Fernzügen ein Thema?

Eine tiefere Raumtemperatur ergibt nur in S-Bahnen Sinn, weil viele Passagiere ihre Jacken und Mäntel aufgrund der kurzen Strecke nicht ausziehen, sagt Reto Schärli. Auf dem Fernstreckennetz sei die Ausgangslage eine andere: «Je länger die Fahrt dauert, desto eher ziehen die Menschen Jacken und Pullover aus. Eine Raumtemperatur von 22 Grad ist dann für die Mehrheit angenehmer.»

3. Wie kommen die SBB gerade auf 20 Grad Celsius?

Das Unternehmen bezieht sich auf die Organisation «EnergieSchweiz», die 20 Grad Celsius als Richtwert für die optimale Wohnzimmer-Temperatur empfiehlt. Für das Badezimmer nennt «EnergieSchweiz» einen Durchschnittswert von 23 Grad Celsius, im Schlafzimmer sollen 17 Grad Celsius ausreichen.

4. Nimmt mit den tieferen Temperaturen das Risiko ab, sich eine Krankheit im Zug einzufangen?

Die Raumtemperatur spielt eine kleinere Rolle als die Luftfeuchtigkeit, erklärt Andreas Widmer, Chefarzt Spitalhygiene am Universitätsspital Basel. Diese sollte zwischen 30 und 50 Prozent liegen. Die Temperatursenkung der SBB begünstigt einen optimalen Wert, denn «wenn die Raumtemperatur abnimmt, nimmt gleichzeitig die Luftfeuchtigkeit zu». Die Ansteckungsgefahr für eine Grippe ist wegen des Testprojekts aber nicht geringer. Widmer: «Eine Schwankung zwischen 20 und 22 Grad hat keine Auswirkung auf die Grippeverbreitung.»

5. Wie viel sparen die SBB mit der Temperatursenkung?

Schaltet man die Heizung niedriger, kostet es auch weniger. Bei einem Grad weniger nehmen die Heizkosten um bis zu sechs Prozent ab. Die SBB könnten so insgesamt knapp einen Achtel an Heizkosten in den Zürcher S-Bahnen einsparen. Weil dieser Aufwandposten aber nur einen kleinen Anteil am Gesamtkuchen ausmacht, werden die Passagiere nicht in den Genuss von tieferen Fahrpreisen kommen.

6. Werden die Züge nun auch im Sommer weniger gekühlt?

Wohl kaum. Zwar betonen die SBB, dass man die Energieeffizienz unbedingt steigern möchte. Das Unternehmen weiss aber auch, dass die Raumtemperatur im Sommer ein grösseres Thema ist als im Winter. An warmen Tagen werden die Waggons auf maximal 25 Grad gekühlt. Wenn es draussen heisser als 30 Grad ist, sei es in den Zügen maximal fünf Grad kälter, sagt Schärli. 

Ob es in den Waggons der Zürcher S-Bahnen auch im kommenden Winter mit Jacke angenehm kühl ist, hängt von den Passagieren ab. Die SBB setzen auf direkte Befragungen vor Ort. Das Testprojekt scheint gute Chancen zu haben. Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» zeigt: 85 Prozent unserer Online-Leserinnen und -Leser würden dauerhaft tiefere Temperaturen in den Zügen begrüssen.