Das Trauerspiel der grössten Rollmaterialbestellung in der Geschichte der SBB hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Die neuen Doppelstockzüge von Bombardier kommen voraussichtlich erst Ende 2015 zum Einsatz. Ursprünglich geplant war ursprünglich Dezember 2013.

Den Löwenanteil der Verzögerung hat der Hersteller Bombardier zu verantworten. Probleme bei der Umsetzung der Kastenauslegung führen gemäss dem Unternehmen zu mindestens zwölf Monaten Verzug. «Uns ist ein sehr ärgerlicher Fehler unterlaufen», gibt Bombardier-Chef Stéphane Wettstein gegenüber der az zu. Man habe jetzt aber eine Lösung gefunden. Die Verspätung bleibt trotzdem.

Weitere vier Monate auf den Fahrplan verlor man durch die Umsetzung von Verbesserungsvorschlägen, welche Interessengruppen anbringen konnten. Diese Verzögerung ist ebenfalls hausgemacht.

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zugunsten der Behindertenverbände trägt schliesslich noch acht Monate zum Produktionsrückstand bei. Also gerade mal ein Drittel.

Trotz dieser Fakten titelten die SBB in ihrer gestrigen Medienmitteilung: «SBB ziehen Urteil ans Bundesgericht weiter – neue Züge bis zu zwei Jahre verspätet.»

Behindertenverbände brüskiert

Joe Manser vertritt die Stiftung für behindertengerechtes Bauen, welche die Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht eingereicht hat. Er ist verärgert über das Communiqué der Bundesbahnen: «Wir werden als Sündenböcke dargestellt, obwohl die Verzögerung vor allem auf Produktionsprobleme von Bombardier zurückzuführen ist.» Manser stört, dass diese Schwierigkeiten erst am Ende der Medienmitteilung thematisiert werden: «Unsere Klage wird dazu benutzt, die eigenen, weit schwerwiegenderen Probleme zu überdecken.»

Die SBB betonen, dass sie die Behindertenverbände nicht zu Sündenböcken machen wollen. «Das war und ist nicht unsere Absicht», versichert Konzernmediensprecher Reto Kormann. «Wir haben den Weiterzug des Urteils lediglich zum Anlass genommen, den gesamten Verzug bei der Produktion der neuen Fernverkehrs-Doppelstockzüge darzulegen.»

Durch den Weiterzug erhoffen sich die SBB, Rechtssicherheit für künftige Beschaffungsprojekte zu erlangen. Das Bundesamt für Verkehr hatte die Typenskizzen der neuen Züge nämlich als behindertenkonform abgesegnet. Manser bezweifelt, dass durch den Weiterzug Rechtssicherheit hergestellt werden kann: «Das Urteil gilt ja nur für Fernverkehrs-Doppelstockzüge. Regionalzüge zum Beispiel wären schon wieder eine ganz andere Geschichte.»

Folge sind alte Züge

Vor dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, als man noch von einer viermonatigen Verzögerung ausging, warnten die SBB noch vor «nicht abschätzbaren Auswirkungen auf den Bahnbetrieb», falls die Klage gutgeheissen werden sollte. Jetzt, mit der Aussicht auf zwei Jahre Verspätung, beschwichtigen die Bundesbahnen: «Der Verzug hat auf das geplante Angebot keine Auswirkungen.» Allerdings könnten ältere Fahrzeuge nicht wie geplant ausgemustert werden.

Von einem Debakel wollen die SBB trotz allem nichts wissen: «Der neue Zug ist und bleibt das künftige Flaggschiff der SBB-Flotte», hält Sprecher Kormann fest.