Herr Meyer, was bedeutet Ihnen der Gotthard?

Andreas Meyer: Meine frühen Erinnerungen haben etwas Magisches – die tiefe Schlucht, wenn man nach Andermatt fährt, und die Teufelsbrücke. Heute verbringe ich gelegentlich meine Freizeit in diesem Gebiet, beim Wandern, Freeriden oder Biken. Beim Gotthard gilt: Oben die Natur geniessen, unten durchbrausen.

Was ist Ihr Highlight am Einweihungsfest vom Mittwoch?

Wir Schweizer können stolz darauf sein, wie wir ein gigantisches, innovatives Bauwerk mit hoher Präzision geschaffen haben. Lassen wir uns feiern und geniessen wir die Anerkennung unserer Nachbarn! 2500 SBB Mitarbeitende werden im Einsatz stehen. Wir werden viele Begegnungen ermöglichen, zum Beispiel von Staats- und Bahnchefs. Mit Letzteren werden wir einige Projekte voranbringen. Und ich freue mich, wenn am Volksfest vom Wochenende viele Leute kommen.

Was ändert sich für die SBB mit dem neuen Tunnel?

Am 1. Juni übernehmen wir als SBB ihn formell von der AlpTransit AG, der Erbauerin. Dann folgen Tests, in die rund 3000 Mitarbeitende involviert sind. Das wird eine intensive Trainingsphase bis zum Start des planmässigen Verkehrs im Dezember, dann beginnt der Marathon. Für Testzüge mit Passagieren übrigens, die Gottardino, verkaufen wir Billette zum Mitfahren.

Und was wird sich ab Dezember für Ihre Kunden ändern?

Das wird ein Leistungsschub, ein Quantensprung für alle! Unsere Passagiere sind viel schneller im Tessin und umgekehrt, doch noch grösser wird der Fortschritt für den Güterverkehr. Wenn dann 2020 noch der Ceneri-Basistunnel öffnet, wird eine einzige Lokomotive reichen, um mit Güterzügen von bis zu 750 Metern Länge unser Land zu durchqueren; heute braucht es in den Steigungen zwei oder sogar drei Loks. Zudem gibt es im Gotthard und ab 1. Juli im ganzen Schweizer Netz zum ersten Mal reservierte Trassen für den Güterverkehr. Heute hat der Personenverkehr immer Priorität.

Gotthard 360°-Video

Gotthard 360°-Video

Kein Ereignis beschäftigt die Schweiz in diesem Jahr mehr als die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Bis der reguläre Zugverkehr durch die Röhren geleitet wird, dauert es aber noch bis zum Fahrplanwechsel im Winter. Ein Reporter-Team des SRF erkundet vorab das Tunnelsystem und fliegt über das Gotthardmassiv – immer mit dabei eine 360°-Kamera.

Der Tunnel in Ehren – aber was ist mit den Zufahrtsstrecken in Deutschland und Italien?

Am Tag vor der Einweihung treffen sich auf meine Einladung hin 26 Bahnchefs im Tessin. Mit Deutschland und Italien geht es darum, die Pünktlichkeit zu verbessern und den Stand der Zufahrten zu besprechen. Wir werden vorschlagen, dass auch sie Trassen für den Güterverkehr reservieren. Wir müssen mit unseren Projekten dran bleiben, sonst gehen wir als kleines Land unter, weil die grossen Bahnen auch noch andere Prioritäten haben.

Werden wegen des neuen Tunnels die Bahnbillette ins Tessin teurer?

Derzeit gibt es Überlegungen über einen moderaten Distanzzuschlag für die neue Strecke, wie das in der Schweiz im öffentlichen Verkehr üblich ist. Auf der einen Seite müssen wir pro Jahr rund 220 Millionen Franken pro Jahr abschreiben und rund 70 Millionen Franken für den Unterhalt aufwenden. Auf der anderen Seite werden wir bis zur Fertigstellung des Ceneri-Tunnels noch viele Baustellen haben. Der Betrieb wird am Anfang noch nicht völlig stabil laufen. Das müssen wir noch abwägen.

Was ist Ihre Prognose: Wie viele zusätzliche Passagiere werden mit dem Zug ins Tessin reisen?

Heute sind es 9000 pro Tag. Unsere Experten rechnen mit einer Verdoppelung. Mein Bauchgefühl sagt: Es werden deutlich mehr sein. Mit dem Zug ist man viel schneller, selbst dann, wenn der zweite Strassentunnel in Betrieb sein wird.

Was tun Sie, um die Autofahrer auf die Bahn zu bringen?

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, komme ich zum Schluss: Das neue Angebot spricht für sich! Doch es braucht noch Marketing, natürlich auch der Tourismusorganisationen und der Regionen.

Noch immer haben Sie am Gotthard Probleme mit den Zügen. Was tun Sie?

Wir investieren nochmals 13 Millionen Franken, um die Kinderkrankheiten der neuen Neigezüge auszumerzen. Ein Viertel der Verspätungen jedoch wird aus Italien importiert. Und weil wir viel neu bauen und der Unterhalt lange Zeit zu wenig beachtet wurde, gibt es derzeit sehr viele Baustellen – auch die lösen Verspätungen aus.

Der neue Tunnel ist zwar schnell, doch langweilig. Blutet Ihr Herz, wenn man künftig nicht mehr über die spektakuläre Bergtrecke fährt?

Natürlich. Die unglaubliche Ingenieursleistung der 1880er-Jahre, das Kirchlein von Wasen, die Zentrifugalkräfte der Kehrtunnels, die sogar in Klaus Schädlins «Mein Name ist Eugen» vorkommen – da verspüre auch ich Wehmut.

Was passiert mit der alten Strecke?

Sie wird sicher für historische Züge genutzt und für Erlebnisfahrten mit Panoramawagen. Zudem wird es eine Verbindung mit Flirt-Zügen zwischen dem Tessin und dem Kanton Uri geben.

Was ist Ihr Wunsch für die Eröffnung?

Am 4./5. Juni findet nicht nur das Volksfest am Gotthard statt, sondern auch eine Volksabstimmung. Wer will, dass der öffentliche Verkehr gut funktioniert, muss zulassen, dass wir Gewinne machen können. Deshalb hoffe ich auf ein Nein zur Service-Public-Initiative. Denn in ein funktionierendes Räderwerk, um das uns das Ausland beneidet, sollte man nicht eingreifen.