Frankreich
Sarkozy lässt unsere Doris sitzen - wegen Fussballspiel

Bundesrätin Leuthard hatte am Dienstag einen Termin im Elysée-Palast. Frankreichs Staatspräsident sagte aber kurzfristig ab: Er musste das Spiel der französischen «Bleus» verfolgen.

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Sarkozy lässt Leuthard sitzen

Sarkozy lässt Leuthard sitzen

Stefan Brändle, Paris

Das Besuchsdatum stand seit langem fest, und die Pariser Presse veröffentlichte am Dienstagmorgen bereits Interviews mit Doris Leuthard – im Hinblick auf ihr Treffen mit Nicolas Sarkozy am Nachmittag. Auch eine Pressekonferenz war schon angesetzt. Dann erging jedoch die Meldung, dass das Treffen abgesagt sei, vertagt auf den 21. Juli.

Solche Verschiebungen sind auf höchster Staatsebene sehr selten. Es setzt schon handfeste Gründe voraus, bis eine Seite – vor allem der Gastgeber – einen solchen Arbeitstermin platzen lässt. An der Schweizer Botschaft hiess es gestern am Morgen, die französische Seite habe aus «Termingründen» um die Verschiebung ersucht. Die auf den Besuch angesetzten Journalisten fragten sich, was dahinterstecken könnte. Hatte Sarkozy etwa erkannt, dass sein Besuch im französischen Baskenland am Dienstagmorgen doch nicht so rasch über die Bühne gehen würde wie geplant? Aber nein, diese innenpolitisch wichtige Fabrikeinweihung in Südwestfrankreich verlief wie am Schnürchen.

Rätseln um Absagegrund

Blieb ein weiterer Verdacht: Sagten die Franzosen das Treffen Leuthards mit Sarkozy etwa ab, weil die Schweizerin kurz zuvor auch noch mit Arbeitsminister Eric Woerth zusammenkommen wollte? Woerths Schicksal hängt an einem seidenen Faden, nachdem sein Namen in Verbindung mit der Steuerfluchtaffäre der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt aufgetaucht war.

Aber nein, auch das war nicht der Grund für die Verschiebung des franko-eidgenössischen Gipfeltreffens. Den eigentlichen Grund nannte «Le Figaro» am Nachmittag: «Nicolas Sarkozy wird heute um 16 Uhr vor dem Fernseher im Elysée weilen, um das Fussball-WM-Spiel zwischen Frankreich und Südafrika zu verfolgen.» Die konservative Zeitung erwähnte immerhin noch, dass Sarkozy gemäss Agenda um 17 Uhr die Präsidentin der eidgenössischen Konföderation hätte treffen sollen.

Bern nimmts gelassen

Da ein Fussballspiel 90 Minuten dauert, kann sich das interessierte Publikum ausrechnen, vor welchem grässlichen Dilemma Monsieur le Président de la République gestanden haben muss.

In Bern waren am Dienstagnachmittag vor oder nach dem Spiel keine Zeichen einer diplomatischen Verstimmung auszumachen. Die französische Seite habe bei der Terminabsage betont, dass der Grund keineswegs in den Beziehungen zur Schweiz läge; sie habe sogleich einen Ersatztermin angeboten und – als dieser Bern nicht möglich war – einen zweiten, den schliesslich fixierten 21. Juli.

Bern nimmt die Absage also mit Gelassenheit. Fussball geht nun einmal über alles – das weiss man derzeit gerade auch in der Schweiz. Dass der Präsident das entscheidende Spiel seiner «Bleus» gegen Südafrika im stillen Elysée-Kämmerchen verfolgen wollte, lässt sich allenfalls nachvollziehen; Sarkozy nimmt sich nun einmal mehr Freiheiten heraus als seine Amtskollegen, und über dieses französische «Culot» kann man schmunzeln.

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