Sarkozy inszeniert sich selbst

Sarkozy inszeniert sich selbst

Sarkozy inszeniert sich selbst

Die Opposition übt Kritik an der präsidialen «Sarko-Show» am französischen Fernsehen

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy schneiderte sich gestern Abend eine abendfüllende TV-Sendung auf den Leib. Die Kritik daran verhallt ungehört: Solche Auftritte haben in Frankreich Tradition.

Stefan Brändle, Paris

Was macht ein Politiker, der im Umfragetief steckt und sorgenvoll die nächsten Wahlen nahen sieht? Eh bien, er macht sich eine TV-Sendung. Oder gleich deren zwei, und am besten hintereinander. So geschehen gestern Abend auf dem grössten französischen Fernsehsender TF1. Nicolas Sarkozy liess sich zuerst in der «Tagesschau» von einer hübschen Moderatorin interviewen, um dann das Studio zu wechseln und in einer weiteren Sendung Zuschauerfragen zu beantworten.

Sarkozy hat an alles gedacht. TF1 gehört Martin Bouyuges, dem Götti seines ersten Sohnes. Zur Interviewpartnerin bestimmte er Laurence Ferrari, die frühere Presseberichte über eine Liaison zwischen ihr und Sarkozy gerichtlich anfechten musste. Die zweite Sendung leitete Jean-Pierre Pernaut, ein bekennender Sarkozy-Wähler.

Die Linksopposition übt seit Tagen Kritik an dieser präsidialen Selbstinszenierung. In sieben Wochen stehen Regionalwahlen an, und zur Mitte von Sarkozys Amtszeit (2007 bis 2012) drohen sie zu einem Plebiszit gegen den Staatschef zu werden. Die Sozialistische Partei spricht von einer «Wahlsendung» und verlangt gleich lange Spiesse für ihre Parteichefin Martine Aubry.

TF1 will ihr aber heute Abend nur ein fünfminütiges Interview in der «Tagesschau» einzuräumen – viel weniger als die knapp anderthalb Stunden «Sarko-Show». Der französische Medienrat CSA ist damit einverstanden. Er hatte zwar vor längerer Zeit den für Frankreich bahnbrechenden Grundsatzentscheid gefällt, dass die Redezeit des Staatschefs seiner jeweiligen Partei zugerechnet wird, in diesem Fall also Sarkozys konservativer UMP. Bei der konkreten Anwendung zögern die Medienwächter aber, den Staatspräsidenten wie einen kommunen UMP-Lokalpolitiker zu behandeln. Der CSA will nun bloss die Zeit berechnen, in der sich Sarkozy ausdrücklich zur Innenpolitik äussert.

In der Tradition von Charles de Gaulle

Damit würde sich der CSA selber widersprechen. Doch die Franzosen stören sich daran nicht über Gebühr. Seitdem es Fernsehen gibt, sind sie sich daran gewöhnt, dass das Fernsehen dem Präsidenten zu Diensten ist. Und zwar auch einem Sozialisten wie François Mitterrand, der seine Interviewpartner stets selber auswählte. Zwanzig Jahre zuvor hatte Fernsehpionier Charles de Gaulle mit dieser Tradition begonnen: Befragen liess er sich nur von «Tagesschau»-Sprecher Michel Droit, der im Zweiten Weltkrieg wie der General selbst in der Résistance tätig gewesen war.

Valéry Giscard d’Estaing gab sich in den Siebzigerjahren moderner. Er plauderte mit Durchschnittsfranzosen in deren Stuben, die zu diesem Zweck in ein eigentliches Fernsehstudio verwandelt wurden. Mitterrand umgab sich mit Lieblingsjournalisten wie Christine Ockrent. Sie leitet heute die französischen Auslandsender, was sich insofern gut trifft, als ihr Lebenspartner Bernard Kouchner gerade Aussenminister Frankreichs ist.

Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac gab sich am Fernsehen wieder volksnah und wählte als Kulisse für seine Fernsehauftritte zum Teil mehr als 80 Jugendliche. Das wirkte zeitgemäss, hatte aber den Nachteil, dass nicht alle Fragesteller kontrolliert werden konnten; Chirac geriet dadurch mehrmals in die Bredouille.

Sarkozy zog deshalb gestern für seine zweite Sendung eine handverlesene Auswahl von zehn «Durchschnittsfranzosen» vor. Am Wochenende hatte er auf der Internetseite Facebook all seinen 200000 eingeschriebenen Fans geschrieben: «Zögert nicht, mir Fragen und Themen mitzuteilen, die ich anschneiden sollte.» Die Auswahl der Fragen behielt er sich aber selbst vor.

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