Analyse

Sanktionen für die Galerie: Dreht Russland den Gashahn zu, sind wir aufgeschmissen

Rund 30 Prozent des europäischen Gases kommt aus Russland. Ersatz auf dem Weltmarkt ist nicht in Sicht. US-Präsident Obama empfiehlt, über den Schiefergasabbau (Fracking) nachzudenken. Doch bis zu einer Umsetzung würde es über 10 Jahre dauern.

Europa ist schwerstabhängig – jedenfalls was das Erdgas betrifft: Rund 30 Prozent des Bedarfs kommen aus Russland. Wenn Russland westeuropäische Wirtschaftssanktionen mit einer Drosselung oder einem Stopp der Gaslieferungen beantwortet, hat Deutschland gleich eine Versorgungslücke von 50 Prozent. Und auch in Frankreich oder Italien, beides überaus wichtige Handelspartner der Schweiz, würde ein Viertel des notwendigen Gases fehlen.

Ähnlich sieht es beim Erdöl aus: Russland fördert 13 Prozent der Weltproduktion, wie die Analysten der Bank Morgan Stanley berechnet haben. Die Abhängigkeit vom Gas und Öl beschränkt massiv den politischen Handlungsspielraum des Westens.

Barack Obama mahnte deshalb vorgestern in Brüssel die Europäer: Die sollten ihre eigenen Energieressourcen besser ausschöpfen, um von Russland unabhängiger zu werden. Dazu zähle auch die Förderung von Schiefergas durch Fracking-Abbau-methoden. Und die USA wollten über den Export von verflüssigtem Gas nach Europa nachdenken.

Die Sache hat drei Haken. Zunächst hat Europa bei weitem nicht die Schiefergasvorkommen wie die USA. Lediglich in Frankreich, Dänemark, Südschweden und Polen gibt es grössere Vorkommen, in Nordwestdeutschland noch weitere kleinere. Und lediglich in Polen gibt es Explorationsarbeiten. Woanders stoppten Politiker und besorgte Bürger alle Vorhaben. Grössere vermutete, aber nicht gesicherte Schiefergasfelder liegen im Balkan. Bis die ans Netz gehen könnten, würden zehn Jahre vergehen. Zwischenfazit: Ein rascher Ersatz russischen Erdgases durch in Europa gefördertes ist illusorisch.

Der zweite Vorschlag von Obama zielt auf Ersatzlieferungen durch die USA. Im Gegensatz zum Erdöl, das die US-Ölfirmen aus energiestrategischen Gründen gar nicht exportieren dürfen, gäbe es beim Schiefergas keine Restriktionen. Hier liegen die Probleme woanders: Die erste grosse Gas-Verflüssigungsfabrik «Sabine Pass» wird erst im Sommer 2015 seinen Betrieb an der US-Golfküste aufnehmen. Eine zweite wird Ende 2016 den Dienst aufnehmen, eine dritte ist für 2018 in Texas geplant. Zusammen könnten diese drei grossen Stationen ein Drittel des russischen Gases ersetzen.

Ob diese drei grossen Stationen jemals nennenswert Gas exportieren werden, hängt noch von einem weiteren wichtigen Faktor ab: Infolge des harten Winters sind die Erdgasvorräte in den USA stark geschrumpft. Laut den Analysten der französischen Bank BNP Paribas wird die Zeit zum Wiederauffüllen bis zum nächsten Winter knapp. Mit anderen Worten: Die USA benötigen derzeit jeden Kubikfuss Schiefergas selber, um die eigenen Lager wieder zu alimentieren. Denn in den USA haben sich nicht nur die Stromerzeuger, sondern auch etliche energieintensive Branchen auf das billige Erdgas eingestellt. Selbst wenn die Preise stark steigen sollten – an den Erdgas-Terminmärkten beginnt man sich darauf vorzubereiten und etliche Hedge Funds haben sich bereits günstig mit Terminkontrakten eingedeckt – ist eine Rückkehr zur Kohle schwierig, zeitraubend und mit hohen Investitionen verbunden. Damit lässt sich ein weiteres Zwischenfazit ziehen: Ein Ersatz von wegfallendem russischen Erdgas durch amerikanische Lieferungen ist gar nicht realistisch.

Schliesslich gibt es auf dem Weltmarkt gar nicht die freien Förderreserven, die russische Ausfälle kompensieren könnten. Alleine in Grossbritannien fällt die Produktion in diesem Jahr um fast 100 000 Barrel pro Tag. Die einzigen Nicht-Opec-Staaten, die in diesem Jahr ihre Produktion nennenswert ausbauen können, sind die USA und Kanada. Allerdings gibt es auch unter den Opec-Förderstaaten grosse Probleme in Nigeria, Irak, Libyen und Südsudan. Einzig Saudi-Arabien hat nennenswerte Produktionsreserven. Aber um die buhlen auch die energiedurstigen Staaten Asiens, allen voran China.

Fazit: Europa hat energiepolitisch keinen Handlungsspielraum. Man bleibt von Russland abhängig. Lieferungen durch die USA sind für die nächsten Jahre kein Ersatz.

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