Beschneidung

Saïda Keller-Messahli: «Beschneidung ist ein Zeichen der Zugehörigkeit»

Saïda Keller-Messahli, Vorsteherin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI). Am 14. Dezember 2009 im Stadtpark von Winterthur.

Saïda Keller-Messahli (Archiv)

Saïda Keller-Messahli, Vorsteherin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI). Am 14. Dezember 2009 im Stadtpark von Winterthur.

Saïda Keller-Messahli ist und Gründerin und Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Im Interview erklärt sie, weshalb sie die aktuelle Debatte über Beschneidung von Knaben im religiösen Kontext für unsinnig hält.

Was ist Ihre Meinung zur Knabenbeschneidung?

Saïda Keller-Messahli: Die Entfernung der Vorhaut des jungen Knaben ist ein Übergangsritual bei Juden und Muslimen. Dieses Ritual, das einerseits der Hygiene und anderseits der symbolischen Aufnahme des Mannes in die religiöse Gruppe dient, ist am ehesten vergleichbar mit der Taufe bei den Christen. Auch ein erwachsener Mann, der dem Islam neu beitreten möchte, muss dieses Ritual durchmachen, um der muslimischen oder jüdischen Gemeinde beizutreten. Bei dieser Diskussion geht oft vergessen, dass Übergangsrituale wie Taufe, Kommunion, männliche Beschneidung, Hochzeit und Tod, die grundlegende Struktur unseres Lebens darstellen. Dieses symbolische Setting definiert in allen Religionen die Struktur unseres Daseins. Es ist ein Missverständnis, zu meinen, man könne sich über diese Strukturen hinwegsetzen. Selbst Atheisten wurden einmal getauft, haben einen Namen erhalten und werden einmal sterben. Die Übergangsrituale dienen seiner Gruppe, ihn aufzunehmen oder seinen neuen Zivilstand anzuerkennen oder sich von ihm zu verabschieden im Fall seines Todes. Diese Strukturen verhindern, dass das Individuum sich im Uferlosen der Beliebigkeit verliert. Sie sind dazu da, ihm Orientierung, Zugehörigkeit und Identität zu vermitteln.

Wie nehmen Sie die aktuelle Debatte wahr?

Die aktuelle Debatte setzt am falschen Ort an. Sie sieht nur die Spitze des Eisbergs: Die Entfernung der Vorhaut des Kanben und blendet dabei aus, dass es sich hier um eine mit der christlichen Taufe gleichwertige rituelle Handlung handelt, die übrigens manchmal sogar medizinisch empfohlen wird.

Sie argumentieren: Die Knabenbeschneidung sei ein legitimes Übergangsritual - weshalb ist es denn die Mädchenbeschneidung nicht?

Diese Frage ist ein Unsinn! Die genitale Verstümmelung von Mädchen gehört nicht in diese Kategorie und ist auch nicht religiös legitimiert. Bei den Mädchen handelt es sich nicht um "Beschneidung", sondern um eine brutale Körperverletzung mit verheerenden, lebenslangen Folgen. Sie ist eine patriarchalische, gegen die Sexualität der Frau gerichtete Praxis. Eine menschenverachtende Verstümmelung der Frau. Hingegen ist die Entfernung der Vorhaut beim Knaben ein kleiner Eingriff, der Hygiene dienend und ohne Folgen für sein Sexualleben, wenn sie fachgerecht durchgeführt wird, d.h. unter Narkose und von einem Arzt. In der Regel ist dieser kleine Schnitt in ein paar Tagen verheilt.

In der Verfassung sind Religierunsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrheit festgeschrieben. Weshalb gewichten Sie die Religionsfreiheit höher?

Es ist nicht so, dass ich die Religionsfreiheit höher gewichte. Die Frage, ob die Entfernung der Vorhaut des Knaben - manchmal sogar medizinisch indiziert - eine Körperverletzung ist, ist keine einfache Frage. Erstens ist der Eingriff absolut minimal und verursacht keinen Schaden, im Gegenteil, sie ist eine hygienische Massnahme. Zweitens handelt es sich bei diesem minimalen Eingriff um ein Übergangsritual so wie bei der christlichen Taufe. Der Körper des Knaben und des Mannes nimmt dabei keinen Schaden. Insofern ist dieses Ritual mit dem unbestrittenen Recht auf körperliche Unversehrtheit kompatibel. Und dass ihm eine religiöse Bedeutung zugeschrieben wird, ist zu akzeptieren und respektieren.

Sollte man mit der Beschneidung nicht zuwarten, bis das Kind selber entscheiden kann?

Die Frage ist so absurd, als würde man verlangen, mit der Taufe eines Kindes zuzuwarten, bis das Kind darüber selber befinden kann! Es gibt ein Setting im Leben, in das wir hineingeboren werden und das wir nicht selber wählen können: Unser Name, unsere Religion, unsere Familie, unser Geburtsort und die Zeit unserer Geburt. Wir dürfen nicht alles selber auswählen, sondern es gehört zu unserem menschlichen Dasein, dass wir in eine nicht von uns gewählte Struktur hineingeworfen werden. Was wir dann damit tun, ist unser Lebensprojekt. Doch am Setting selber können wir nichts verändern.

Wieso gehört die Beschneidung zum nichtverzichtbaren teil der muslimischen Religion?

Der Gedanke der Reinheit ist ein wesentlicher Aspekt im Judentum und im Islam. Die Taufe bzw. die Entfernung der Vorhaut beim Knaben oder beim konvertierungswilligen Mann sind Bestandteil der symbolischen Ordnung, die diesen beiden Religionen zugrundeliegt. Sie macht den Knaben oder den Mann erst zugehörig als religiöses Subjekt. Die Beschneidung ist ein körperliche Markierung, ein physisches Zeichen, dass dieser Knabe oder dieser Mann nun zur Gruppe gehört.

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