150 Jahre SAC

SAC-Bergsteiger waren braunem Gedankengut nicht abgeneigt

Am Freitag feiert der Schweizer Alpen-Club (SAC) sein 150-Jahre-Jubiläum. Zwar stand stets die Erschliessung der Alpen im Vordergrund, doch geriet der Verein vor allem in der Zwischenkriegszeit unter den Einfluss eines völkischen Alpen-Heroismus.

Kürzlich in der vollgestopften Kabine der Schilthornbahn: Eine zierliche japanische Touristin in Turnschuhen schubst eine andere vor sich her, als die Kabinentür sich öffnet. Geschätzte 20 Japaner drängeln ins Freie. Ein braun gebrannter Skifahrer erklärt seinem Kollegen spottend die Welt: «Städter halt. Ihnen fehlt es an Gelassenheit. Dort wird man so. Würde wer auf dem Boden liegen, sie würden ihn auch noch zu Tode trampeln.»

45 Jahre zuvor, 1968, sagte der SAC-Zentralpräsident in der von Gottlieb Duttweiler gegründeten Tageszeitung «Die Tat»: «Wir sind ein bürgerlicher Verein. Unsere Mitglieder sollen charakterlich einwandfrei sein. Wir müssen uns auf unsere Seilkameraden verlassen können und so sind die Ansprüche eben sehr viel höher als unten im Tal.» Seine Worte richteten sich nicht an asiatische Touristen, aber an die Städter und die Flachländer.

Kommunisten unerwünscht

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) hat sich geöffnet. Heute dominieren - das ist die Ironie der Geschichte - die Städter und Flachländer. Doch noch 150 Jahre nach der Gründung im Bahnhofbuffet Olten erinnert die Rhetorik des eingangs erwähnten spottenden Skifahrers an jene der damaligen «Clubisten», wie sich die SAC-Mitglieder bezeichnen: die Berge als Bollwerk gegen die böse Welt, in der das Nicht-Nationale lauert; dessen Ideen insbesondere die Städter verfallen könnten.

Es war die Rhetorik der Zwischenkriegszeit in der Schweiz. Eine Reaktion auf den Generalstreik von 1918 in den industrialisierten Städten. Ein völkisch und nationalsozialistisch inspirierter Alpen-Heroismus blühte in der Schweiz auf. Seine Verehrer fanden sich auch unter den «Clubisten».

Bergler waren nie die tonangebenden Kräfte im SAC. Das Heft hielten lange Zeit nationalkonservative Kreise in der Hand. Alpinistinnen erlaubte man die Mitgliedschaft erst 1980. Jahre, nachdem das Frauenstimmrecht in der Bundesverfassung verankert worden war. Im SAC fürchtete man sich vor Sozialisten und Kommunisten. Braunes Gedankengut hingegen duldete man bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Das Thema behandelte der Bergbuchautor Daniel Anker bereits in seiner Lizenziatsarbeit. Das SAC-Jubiläumsbuch, das Anker mitverfasst hat und das heute vorgestellt wird, widmet dem Thema ein Kapitel.

Ein Genosse kann kein Berggenosse sein

Anker in seiner Arbeit: «So unverrückbar und hart wie Gotthard-Granit waren für den SAC diese beiden Überzeugungen: dass ein Genosse erstens kein Eidgenosse und zweitens deshalb eigentlich auch kein richtiger Berggenosse sein kann.»

Als Antwort auf den Generalstreik wurden landauf, landab Bürgerwehren organisiert. Der SAC stand nicht abseits und half mit. 1919 gründete er den Schweizerischen Vaterländischen Verband mit. Anker schreibt, dass der SAC sich später zwar «nicht mehr sehr aktiv an der Kommunistenhetze» beteiligte, ihm der «Sozialistenfresser»-Geist aber alles andere als fremd war. «Die Geschichte des SAC wird so auch als ein Beitrag zur Geschichte der Rechten und eines faschistischen Gedankengängen nicht abgeneigten Konservativismus in der Schweiz verstanden.»

Vom Alpen-Heroismus und seiner Bergromantik

Die Heimatliebe vermittelte der SAC über eine Art Bergromantik. 1923 propagierte der damalige Zentralpräsident: «Vaterländisch wirkt der SAC, indem er die Leute, und gerade auch solche, die noch nicht vaterländisch denken sollten, in die Berge führt. Denn auf die Dauer kann sich einer der mächtigen Sprache, welche die Berge der Heimat zu ihm sprechen, nicht entziehen.»

Es war die Zeit, in der man das «Vaterländische» als Abgrenzung von Sozialismus und Judentum verstand. Auf der Anmeldekarte der damals grössten SAC-Sektion Uto (Zürich), mit der sich Interessenten zwischen 1921 und 1942 anmeldeten, stand: «Der Alpenclub ist politisch neutral, duldet aber als vaterländischer Verein Mitglieder nicht, welche die Demokratie verneinen. Der Bewerber erklärt deshalb hiermit, dass er kommunistischen Bestrebungen fernsteht.»

Das nationalistische Projekt

Spätestens mit der Gründung des Vaterländischen Verbands, der sich vor allem gegen die 3. Internationale der Sozialisten richtete, konnte von einem politisch neutralen SAC nicht mehr die Rede sein, so Anker. Denn: «Bergsteigen war ja für ihn nicht nur alpinistisches Tun, sondern eidgenössische Tat.» Das im Gegensatz zu den Briten, für die Alpinismus ein Spiel und für die Nationalsozialisten, für die er ein Kampf war.

Der 150-jährige SAC - auf dem rechten Auge war er nicht blind, nur etwas sehbehindert. «Er war Teil der damaligen Gesellschaft», sagt der heutige Präsident Frank-Urs Müller. Kein Anlass für ihn, diese Zeit aufzuarbeiten.

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