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Russische Schläferzellen: Spionageaffäre wie aus einem Thriller

Die US-Behörden haben zehn Mitglieder eines russischen Spionagerings festgenommen. Sie sollen Informationen aus dem politischen Betrieb in Amerika nach Moskau übermittelt haben.

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Wie aus einem Thriller

Wie aus einem Thriller

Renzo Ruf, Washington

Die Geschichte klingt wie aus einem schlechten Spionagethriller aus dem Kalten Krieg: tote Briefkästen, Codenamen und klammheimlichen Geldübergaben inklusive: Elf Personen sind gestern von den US-Behörden beschuldigt worden, sie hätten mit der Hilfe des russischen Geheimdiensts diejenigen Kreise infiltrieren wollen, die für die Gestaltung der amerikanischen Politik verantwortlich seien. Zehn der Beschuldigten wurden bereits am Sonntag in unauffälligen Vororten von New York, Boston und Washington verhaftet; ein elftes Mitglied des angeblichen Spionagerings wurde geschnappt, als er auf Zypern ein Flugzeug besteigen wollte. Das Beweismaterial, das die Bundespolizei FBI in der vergangenen Dekade gesammelt hat, ist in einer 37 Seiten umfassenden Strafanzeige zusammengefasst.

Zentraler Vorwurf: Die russischen Spione seien Teil eines Programms gewesen, das der Auslandnachrichtendienst SWR – der Nachfolger des berüchtigten KGB – auf die Beine gestellt habe. Sie hätten den Auftrag gehabt, Informationen über Nuklearwaffen, die CIA-Führung, parlamentarische Manöver oder die amerikanische Iran-Politik zu sammeln.

Unauffälliges Leben

Zu diesem Zweck kontaktierten sie ehemalige ranghohe Sicherheitspolitiker und Waffeningenieure. Dies alles geschah unter einem ausserordentlich wirksamen Tarnmantel: Die elf Mitglieder des Spionagerings, darunter vier Ehepaare, lebten in unauffälligen Häusern in unauffälligen Vororten ein unauffälliges Leben. Sie waren Bürger der USA, Kanadas und Perus – eine der Verdächtigten, die 28-jährige Anna Chapman, war als Immobilienhändlerin tätig, während eine andere Verdächtigte als Kolumnistin für eine Tageszeitung in New York arbeitete. «Dabei kann es sich nicht um Spione gehandelt haben», sagte scherzend eine junge Nachbarin eines der verhafteten Ehepaare, das in Montclair, New Jersey, wohnte. «Schauen Sie doch ihre Hortensien an.»

Tatsächlich werden die Verhafteten nicht beschuldigt, spioniert zu haben. Keiner der Beschuldigten sei an geheime Informationen gelangt, sagen die Behörden. Ihnen wird stattdessen vorgeworfen, sie hätten gegen das Gesetz verstossen, das von ausländischen Nachrichtendienstlern eine Offenlegung ihrer Tätigkeit und eine Registrierung beim Justizministerium verlange. Auch werden sie der Geldwäsche verdächtigt.

Russische Offizielle wiesen die Vorwürfe umgehend zurück. Das Aussenministerium sprach in einer Stellungnahme von «unbegründeten» Verhaftungen und Methoden aus den Zeiten des Kalten Kriegs. Aussenminister Sergei Lawrow bemerkte einzig, dass immerhin der Zeitpunkt der Verhaftung taktisch geschickt gewählt worden war – denn noch letzte Woche befand sich Russlands Präsident Dmitri Medwedew auf Besuch in Washington, wo er und Präsident Barack Obama sich während eines Hamburger-Lunchs gegenseitig versicherten, dass die zwischenstaatlichen Beziehungen ausserordentlich gut seien. Ob Obama zu diesem Zeitpunkt bereits über die anstehenden Verhaftungen informiert worden war, blieb gestern offen.

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