Hans Lüthi

«Nein, damit haben wir wirklich nicht gerechnet», sagt Reto Kobi von der Abteilung Verkehr im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zu den stark steigenden Zahlen. In den Pendlerzeiten am Morgen und am Abend sind nahezu jene Werte erreicht, welche die Verkehrsplaner erst nach 10 bis 15 Jahren erwartet haben. Die Frequenzen sind durch konkrete Verkehrszählungen jeweils an einem Tag im Mai ermittelt worden - dieses Jahr am 12. Mai. Die 3042 ein- und aussteigenden Personen bedeuten ein Plus von 76 Prozent im Vergleich zum Eröffnungsjahr. Gegenüber 2007 beträgt die Steigerung stolze 18 Prozent. In einem umfangreichen Monitoring beleuchtet die Sektion öffentlicher Verkehr alle Aspekte der Haltestelle.

Rekord am ungeliebten Ort

Pikant am Erfolg von Mellingen-Heitersberg, quasi auf grüner Wiese erbaut, ist die qualvolle Entstehung: Die SBB wehrten sich lange dagegen, die S-Bahn 3 vom Limmattal nach Aarau zu verlängern. Die Kapazität des Heitersbergtunnels ist längst am Anschlag, weil sich hier auch der nationale Fernverkehr Zürich-Bern und der Güterverkehr konkurrenzieren. Erst mit der Streichung des zweiten Schnellzughalts in Lenzburg gelang der Durchbruch bei den zähen Verhandlungen. Die Bundesbahnen hatten den Aargau massiv geärgert und in Lenzburg eine Protestwelle ausgelöst. «Ohne diesen Hintergrund hätten wir die S-Bahn nicht bekommen», meint ein Insider dazu. Heute ist die S 3 Aarau-Zürich die erfolgreichste S-Bahn überhaupt. Ihr Kostendeckungsgrad beträgt rund 80 Prozent.

Oft in überfüllten Zügen

Zu den Pendlerspitzen, vor allem in Richtung Zürich, müssen die Passagiere ihre Fahrt oft in vollen Zügen geniessen - vor allem der Abschnitt Dietikon-Zürich ist stark überlastet. Dies ausgerechnet um sieben Uhr früh, wenn die Welt noch in Ordnung sein sollte. Weil die S 3 nach dem Hauptbahnhof direkt ins Zürcher Oberland weiterrollt, kann sie nur mit einer doppelten Komposition geführt werden. Ursache: In Wetzikon und Pfäffikon sind die Perrons nur 220 Meter lang und damit viel zu kurz. Mit dem Fahrplanwechsel 2015 soll die heutige S 3 neu von Aarau über Zürich nach Winterthur fahren. Dann sind drei Kompositionen möglich, was aber eine Verlängerung der Perrons in Othmarsingen und Mägenwil bedingt. Unter akuter Platznot leidet zu den Pendlerspitzen auch der Direktzug aus dem Freiamt. «Der heute normale einstöckige Zug wird spätestens 2015 auf Doppelstock umgestellt», verspricht Kobi den Freiämter Pendlern. Eine Verbesserung im Postauto-Korridor zur öV-Drehscheibe zeichnet sich für den Fahrplanwechsel im Dezember ab. Dann kommt in den Spitzenzeiten der vierte Postautokurs pro Stunde.

Zweiter Halt: Zukunftsmusik

Einen Makel wird die Haltestelle Heitersberg-Mellingen nicht so rasch los: Die S 3 fährt nur einmal stündlich, weshalb viele Pendlerinnen und Pendler den Umweg über Baden und die Fahrt im Schnellzug nach Zürich vorziehen. Weil ein weiterer Zug im voll belasteten Tunnel unmöglich Platz hat, kommt der halbstündliche Takt erst nach einem Milliarden-Ausbau. Die Neubaustrecke Chestenberg wird zwar für den nationalen Bahnverkehr erstellt, hat aber den Nebeneffekt der Entflechtung vom Regionalverkehr. Ein Halbstundentakt für die S 3 ist Zukunftsmusik, «die Realisierung liegt aus heutiger Sicht im Zeitraum 2025 bis 2030», betont Reto Kobi. Freie Kapazitäten auch Richtung Zürich gibt es erst, wenn auch der zweite Heitersbergtunnel gebaut ist. Auffallend ist übrigens auch die hohe Pendlerzahl Richtung Aarau. Das Parkhaus an der Haltestelle ist von den SBB übernommen worden, die 164 Parkplätze sind zu rund 65 Prozent belegt.