Sexuelle Belästigung bei RTS: 140 Mitarbeiter wollen aussagen

Der Skandal beim Westschweizer Fernsehen weitet sich aus: Laut der Gewerkschaft SSM war der heutige SRG-Chef Gilles Marchand im Bild darüber, dass es immer wieder zu Übergriffen kam.

Francesco Benini
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Gerät zunehmend unter Druck: SRG-Direktor Gilles Marchand.

Gerät zunehmend unter Druck: SRG-Direktor Gilles Marchand.

Keystone

Die Genfer Anwaltskanzlei «Troillet Meier Raetzo» wird richtiggehend bestürmt von Mitarbeitern des Westschweizer Fernsehens (RTS). 140 von ihnen wollen über die Fälle von sexueller Belästigung und Mobbing sprechen, die es im Unternehmen gegeben hat. Das bestätigt Christophe Minder, Mediensprecher von RTS.

Minder betont, dass nicht 140 Personen selber Opfer von Belästigungen und Mobbing geworden sind. Einige wollen vielmehr darüber reden, was sie im Arbeitsalltag miterlebt haben.

Die Genfer Kanzlei ist vom Verwaltungsrat der SRG damit beauftragt worden, die Fälle aufzuklären. Eine zweite Untersuchung geht der Frage nach, ob die Instrumente zur Meldung von Mobbing genügen. Die dritte Untersuchung soll Aufschluss darüber geben, ob die Vorgesetzten angemessen auf die Beschwerden reagierten, die ihnen vorgetragen worden waren.

Hier gerät neben anderen Gilles Marchand in den Fokus. Der heutige SRG-Generaldirektor war von 2001 bis 2017 Direktor des Westschweizer Fernsehens. Ihm wird vorgehalten, dass er in der langen Amtszeit zu wenig unternommen habe gegen die Kultur des Wegschauens, die bei RTS im Zusammenhang mit Belästigungen von Mitarbeitern geherrscht habe.

"Robert" war berüchtigt für seine Übergriffe auf Mitarbeiterinnen

Am meisten beschäftigt die Angestellten von RTS der sogenannte Fall «Robert». Der inzwischen suspendierte Kadermann soll berüchtigt gewesen sein für seine Übergriffe auf Mitarbeiterinnen. 2014 reichte die Mediengewerkschaft SSM bei der Direktion von RTS Unterlagen zu seinem Verhalten ein. Marchand wurde am vergangenen Sonntag in einer Sendung des Westschweizer Fernsehens gefragt, ob er von den Vorwürfen gegen «Robert» gewusst habe. Er antwortete: «Man muss die konkreten Fakten vom allgemeinen Kontext unterscheiden. Ich habe die Aussage der Betroffenen nicht gekannt.»

Bei der Gewerkschaft staunt man über diese Aussage. Denn ein Teil der Zuschriften zum Fall «Robert» ging damals direkt an Marchand. Auch kam es im Dezember 2014 zu einer Sitzung, an welcher der Fall besprochen wurde; Marchand war anwesend. Manche RTS-Mitarbeiter haben den Eindruck, dass ihr vormaliger Chef die Verantwortung an seine direkten Untergebenen abschieben wolle.

Mitarbeiterinnen von RTS bringen derweil in den Gängen des Medienhauses Zettel an. Auf ihnen sind Sätze zu lesen, die Mitarbeiter geäussert haben sollen. Ein Tontechniker zu einer Moderatorin: «Rück näher ans Mikrofon und stell dir vor, es sei mein Geschlechtsteil.» Die Herabsetzung von Frauen war beim Westschweizer Fernsehen offenbar alltäglich.