Salär-Frage
Rote Köpfe wegen Lohnstatistik des Bundes: Werden Absolventen der früheren «Techs» diskriminiert?

Ausbildungsstätten wie die Höheren Technischen Lehranstalten oder die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule sind heute Fachhochschulen. Die Absolventen der früheren HTL oder HWV werden bei der Lohnstrukturerhebung des Bundes aber den Höheren Fachschulen (HF) zugerechnet, was die berechneten Löhne markant tiefer ausfallen lässt. Nun intervenieren die Fachhochschulen in Bundesbern.

Antonio Fumagalli
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Ausbildungsstätten wie die Höheren Technischen Lehranstalten (HTL, auch bekannt als «Tech») oder die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) wurden ins Bologna-System aufgenommen und werden seither als Fachhochschulen (FH) weitergeführt: Hier die HTL Brugg-Windisch 1969.

Ausbildungsstätten wie die Höheren Technischen Lehranstalten (HTL, auch bekannt als «Tech») oder die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) wurden ins Bologna-System aufgenommen und werden seither als Fachhochschulen (FH) weitergeführt: Hier die HTL Brugg-Windisch 1969.

zvg

Die europäische Bildungslandschaft wurde in den letzten Jahren massiv umgekrempelt – und mit ihr die schweizerische. Besonders bemerkbar gemacht hat sich das auf der tertiären Bildungsstufe, also im Bereich der Hochschulen. Ausbildungsstätten wie die Höheren Technischen Lehranstalten (HTL, auch bekannt als «Tech») oder die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) wurden ins Bologna-System aufgenommen und werden seither als Fachhochschulen (FH) weitergeführt.

Die Absolventen der damaligen HTL oder HWV sind in der Regel längst in der Arbeitswelt angekommen. Sofern sie gewisse Voraussetzungen – fünfjährige Berufspraxis oder Nachdiplomkurs auf Hochschulstufe – erfüllen, können sie beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) nachträglich den FH-Titel erwerben. Das SBFI hat in den vergangenen zehn Jahren rund 20 000 solche Diplome ausgestellt.

Lohnunterschiede

Die obenstehenden Unterschiede ergibt der Lohnrechner Salarium für einen durchschnittlichen Monatslohn (Median) eines Schweizer Mannes – je nach Auswahl der Ausbildung.

Annahmen: 35 Jahre alt, 10 Dienstjahre, 40 Wochenstunden,
13 Monatslöhne, keine Kaderstufe, Region Nordwestschweiz.

Doch längst nicht alle HTL- und HWV-Absolventen haben dies gemacht – etwa, weil sie es schlicht nicht für nötig halten. Unter Umständen sind sie deshalb nun im Arbeitsmarkt benachteiligt. Und zwar, weil sie oder ihr (potenzieller) Arbeitgeber inkorrekte Lohnvorstellungen haben. «Es kann sein, dass sie dadurch deutlich weniger verdienen, als sie eigentlich sollten», sagt Thomas Landolt, Geschäftsführer einer Beratungsfirma für Salärvergleiche.

Eigenen Marktwert abschätzen

Wie ist das zu erklären? Alle zwei Jahre führt das Bundesamt für Statistik (BFS) eine sogenannte Lohnstrukturerhebung durch. Die angeschriebenen Firmen müssen dabei verschiedene Merkmale angeben, unter anderem die Ausbildung ihrer Mitarbeiter. Die daraus generierten Daten fliessen in den individuellen Lohnrechner Salarium ein, mit dem Angestellte und Chefs den monatlichen Bruttolohn, der für eine spezifische Arbeitsstelle durchschnittlich bezahlt wird, berechnen können.

Bei der Kategorie «Ausbildung» werden Absolventen der HTL oder HWV nicht den Fachhochschulen, sondern den Höheren Fachschulen (HF) zugerechnet. Entsprechend fallen die berechneten Saläre teilweise markant tiefer aus (siehe Beispiel in der Tabelle). Das BFS vermerkt zwar ausdrücklich, dass die Werte «keine Lohnempfehlungen darstellen», für Experte Landolt haben sie gleichwohl Signalcharakter: «Das Salarium ist eine der Hauptquellen für Arbeitnehmer, die ihren Marktwert nicht über ihr Netzwerk abschätzen können», sagt er.

Auf die Kritik angesprochen, verweist das Bundesamt für Statistik auf das frühere Bildungssystem. Dieses sei so ausgestaltet gewesen, dass HTL- oder HWV-Absolventen der «höheren Berufsbildung» zugeordnet waren (die FH gab es damals noch nicht). Hinzu komme, dass das heutige Studienprogramm der FH ein paar Monate länger als früher dasjenige der HTL dauere, die Zugangsbestimmungen verschieden seien und man FH international als Hochschulen anerkenne, was für die HTL nicht der Fall gewesen sei.

Nicht im Bild?

Toni Schmid, Geschäftsführer vom Fach-hochschul-Absolventen-Dachverband, zeigt sich «sehr irritiert» über diese Zuordnung des BFS. «Mein erster Gedanke ist, dass hier jemand nicht im Bild ist», schreibt er auf Anfrage. Es habe für die FH-Vorgängerschulen wie die HTL oder die HWV zwar keinen formalen Hochschulabschluss gegeben, jedoch seien diese als «andersartig, aber gleichwertig» anerkannt gewesen. So sei es auch im Bundesgesetz über die Weiterbildung verankert.

«Es kann und darf also nicht sein, dass die Diplome der FH-Vorgängerschulen der Einfachheit halber als heutige HF eingestuft werden», folgert Schmid. Vielmehr seien sie im Minimum der Bachelor-Stufe und damit den Hochschulen zuzuordnen, noch besser aber separat auszuweisen. Auch treffe nicht zu, dass die früheren Studienprogramme kürzer gewesen seien. «Das Gegenteil ist der Fall – die HTL waren zeitintensiver», so Schmid.

Das Hauptproblem sieht er weniger in allfällig zu tiefen Lohnzahlungen aufgrund der «verfälschten» Statistik, sondern in der mangelhaften Vergleichbarkeit der Datenreihen. «Damit wird die Aussagekraft von Lohnvergleichen deutlich geschwächt», sagt Schmid. Ehemalige HTL-Absolventen würden zum Beispiel den Schnitt von heutigen HF-Diplomierten nach oben ziehen.

Die Geschäftsführung des Fachhochschul- Absolventen-Dachverbands hat beim SBFI und beim BFS interveniert und auch ein erster Austausch hat bereits stattgefunden. Toni Schmid erhofft sich, dass der Bund HTL- und HWV-Absolventen und deren Arbeitgeber noch offensiver darauf hinweist, ihren Titel umwandeln zu lassen. Dass diese Personen künftig automatisch zur FH-Kategorie gezählt werden, steht für das BFS freilich nicht zur Diskussion: «Wir werden unsere Praxis nicht ändern. Wir respektieren die offizielle Zuordnung der Titel und die Inputs, die uns die Unternehmen liefern», schreibt die Medienstelle.