Mangel
Röstigraben 2.0: Warum Staatsmänner oft Romands sind

Insbesondere bei den bürgerlichen Parteien fehlen in der Deutschschweiz markante Köpfe. Denn es ist auffällig: Starke Politikerpersönlichkeiten kommen hierzulande mit Vorliebe aus der Westschweiz.

Stefan Schmid
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Unvergessen ist Jean-Pascal Delamuraz, ein typischer Vertreter des liberal-sozialen Waadtländer Freisinns. Später spielten Pascal Couchepin (FDP) und Micheline Calmy-Rey (SP) dominante Rollen im Bundesrat. Alain Berset ist noch etwas zu kurz im Amt, um ihm bereits das Attribut «Staatsmann» zuzuschreiben. Doch auch er bringt einige Voraussetzungen mit, um der Landesregierung seinen Stempel aufzudrücken.

Romands spielen aber auch in den Parteien herausragende Rollen, wie etwa Christian Levrat bei der SP oder Christophe Darbellay bei der CVP. Mit Pierre-Yves Maillard (SP) und Pascal Broulis (FDP) verfügt zudem der Kanton Waadt über zwei ausgesprochen charismatische Regierungsräte, die weit über ihren Kanton ausstrahlen – beide übrigens ehemalige Bundesratskandidaten. Broulis unterlag dem eher spröden Ständerat Didier Burkhalter. Maillard zog gegen Berset den Kürzeren.

Ein neuer Stern am Genfer Polithimmel

Mit der Wahl des erst 34-jährigen FDP-Politikers Pierre Maudet in den Genfer Regierungsrat ist am welschen Polithimmel spätestens am vergangenen Wochenende ein neuer Stern aufgegangen. Manche sehen im eloquenten, gut aussehenden Maudet, der politisch dem linksliberalen Freisinn zugeordnet werden muss, bereits den Nachfolger von Jean-Pascal Delamuraz. Selbst die politische Konkurrenz lobt den Genfer Neo-Regierungsrat über den Klee: «Maudet ist talentiert, fleissig und über Parteigrenzen hinweg angesehen», sagt Yvan Rochat, grüner Stadtpräsident der grössten Genfer Vorortsgemeinde Vernier. Auch in der Deutschschweiz hat man sich den Namen Maudet gemerkt. «Er ist ein Hoffnungsträger für den Freisinn», sagt die St.Galler FDP-Ständerätin und ehemalige Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter. Fakt ist: Dem Genfer sagen viele auch auf Bundesebene dereinst eine grosse Politkarriere voraus.

Welch ein Unterschied zur Deutschschweiz, wo die Suche nach politischen Ausnahmetalenten bedeutend harziger verläuft. Insbesondere bei den bürgerlichen Parteien sind momentan –von Christoph Blocher abgesehen – schillernde Figuren Mangelware. Man erinnere sich etwa an das Debakel bei der SVP im Vorfeld der letzten Bundesratswahl. Doch auch FDP und CVP sind nicht mit Saftwurzeln à la Couchepin gesegnet: Johann Schneider-Ammann ist eigentlich kein Politiker, sondern Unternehmer, was man ihm immer wieder anmerkt. SVP-Bundesrat Ueli Maurer wird eher als Parteipolitiker denn als Landesvater wahrgenommen und Doris Leuthard (CVP) und Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) sind zwar starke Persönlichkeiten, doch beide scheinen von ihren schweren Dossiers stark absorbiert zu sein.

Politik positiver bewertet

Für Keller-Sutter sind die Romands erfolgreicher in der Personal-Rekrutierung. «Die Politik ist angesehener als bei uns, wo viele Topleute eher in die Wirtschaft gehen.» Jo Lang, alt Nationalrat der Grünen und Historiker, sieht noch einen anderen Grund: «Seit sich in der Deutschschweiz Neoliberalismus und Nationalkonservativismus verbündet haben, gibt es keine markanten bürgerlichen Köpfe mehr.» Figuren wie die ehemaligen FDP-Ständeräte René Rhinow (BL), Andreas Iten (ZG) oder Otto Schoch (AR) würden heute keine Rollen mehr spielen. Die Deutschschweizer Linke indes müsse den Vergleich mit den Romands nicht scheuen, findet Lang. «Linke Persönlichkeiten machen Politik.» Ihr Interesse an einem Job in der Wirtschaft sei geringer.