Die ganze Schweiz war nach den Attentaten von Paris solidarisch mit Frankreich. Als Ausdruck davon nahm Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga letzten Sonntag am republikanischen Marsch durch Paris teil. Dennoch ist das Ausmass der Empathie und der Anteilnahme ennet des Röstigrabens deutlich grösser als in der Deutschschweiz oder im Tessin. Zahlreiche Bürger verfolgen die Diskussionen im Nachbarland, als wäre das eigene Land von Terrorangriffen betroffen. Paris, die eigentliche Hauptstadt der Suisse Romande?

Ein Teil der Frankofonie

Dass sich die Romands als echte und gute Schweizer sehen, darüber gibt es zwischen Fribourg und Genf keinen Diskussionsbedarf. Wenn Christoph Blocher die Romands als «Bürger mit einem weniger ausgeprägten Gefühl für die Schweiz» verunglimpft, löst dies nur ein müdes Lächeln aus.

Die Nähe der Romands zu Frankreich mag in der Deutschschweiz erstaunen – viele Deutschschweizer können sich eine ähnliche Symbiose mit Deutschland kaum vorstellen. «Die Westschweiz hat nicht den geringsten Komplex gegenüber dem grossen Nachbarn», sagt FDP-Nationalrätin Isabelle Moret (VD). Viele haben Verwandte in Frankreich und verbringen oft ihre Ferien dort. «Deshalb haben uns die Ereignisse in Paris sehr berührt.»

Auch SP-Nationalrat Roger Nordmann fühlt sich dem Nachbarn im Westen sehr verbunden: «Wir hatten nie einen unterschwelligen Konflikt mit Frankreich, wie ihn die Deutschschweiz mit Deutschland erlebt hat», sagt der Waadtländer – ein Verweis auf die Geschichte.

«Die Romandie war kulturell schon immer eng mit Frankreich verbunden», sagt der Walliser CVP-Politiker Christophe Darbellay. «Die Unfähigkeit der französischen Politik, das Land zu reformieren, und die übersteigerte Eifersucht französischer Politiker auf die Schweiz sind bei vielen Romands aber auf Unverständnis gestossen oder haben gar Wut ausgelöst.»

Unsere Gesprächspartner sind sich einig: Die Attentate von Paris haben den Romands auf einen Schlag ihre Verbundenheit mit Frankreich und der französischen Kultur in Erinnerung gerufen. «Es war ein Angriff auf Werte, die wir teilen», sagt Lise Bailat, Bundeshauskorrespondentin von «24heures» und «Tribune de Genève». Viele habe beeindruckt, wie die Franzosen nach den Anschlägen zusammengestanden seien und die Grundwerte der Republik ohne Wenn und Aber verteidigt hätten.

Der Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» hat die Westschweizer möglicherweise stärker getroffen als ihre deutschsprachigen Landsleute. Die politische Satire hat in der Romandie einen anderen Stellenwert. Sie ist fixer Bestandteil der gemeinsamen frankofonen Kultur. «Es war wie ein Angriff auf alle Französischsprachigen», sagt François Cherix, Kommunikationsberater und Schriftsteller. Zahlreiche Romands lesen regelmässig den «Canard enchaîné», die führende Satirezeitung Frankreichs. Viele liebten die humoristische Unverfrorenheit, den manchmal gemeinen Scherz, den derben Witz. «In der Tragödie rückt man zusammen und erinnert sich seiner alten Freunde», sagt Cherix.

Beliebtes French-Bashing

Die neue Sympathiewelle steht in auffälligem Kontrast zu den politisch belasteten Beziehungen der vergangenen Jahre. Insbesondere das Steuerdossier hat in Bern und Paris immer wieder für rote Köpfe gesorgt. Noch sind nicht alle Fragen geklärt.

«Das Attentat von Paris fand in einem Klima der Entfremdung statt», sagt auch François Cherix. Das Frankreich-Bashing sei in der Romandie in Mode gewesen: Gegen die Grenzgänger, gegen die unfähigen Politiker in Paris. Auch die Romandie sei von einer nationalistischen Swissness-Welle erfasst worden. Journalistin Lise Bailat ist denn auch nicht sicher, ob die neue Liebe zu Frankreich lange hält. Als Zeichen dafür wertet sie, dass Sympathiekundgebungen etwa in Lausanne oder La Chaux-de-Fonds primär von Auslandfranzosen organisiert wurden.

Und die Franzosen selber? Das Interesse an den welschen Brüdern im Speziellen und der Schweiz im Allgemeinen hält sich in Grenzen. Da vergleicht man sich lieber mit Deutschland oder England. Genf und Lausanne sind aus Pariser Sicht nette Provinzstädte, wo es viele Banken und gute Schokolade gibt.