Schweiz

Romandie-Kenner Peter Rothenbühler über den Corona-Graben: «Die Welschen sind wehleidiger»

In Genf wurden überdurchschnittlich viele Corona-Fälle gezählt.

In Genf wurden überdurchschnittlich viele Corona-Fälle gezählt.

Kantone wie Genf und Waadt zählen überdurchschnittlich viele Infektions- und Todesfälle, und auch die Bundesratsmassnahmen beurteilen die Romands anders als die Deutschschweizer. Der bilingue Journalist und Buchautor Peter Rothenbühler (71), Ex-Chefredaktor von «Sonntagsblick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin», über kulturelle Unterschiede, Westschweizer Emotionen – und die Rolle von Weisswein.

«Wir haben hier eine sehr schöne Quarantäne», sagt Peter Rothenbühler am Telefon. Der Publizist wohnt mit seiner Frau im Vallée de Joux, einem abgeschlossenen Hochtal im Waadtländer Jura, in einem alten Bauernhaus mit grossem Garten und dem Wald im Hintergrund. «Uns geht es gut, auch meinen beiden Söhnen, die in Lausanne wohnen.»

Die Kantone Waadt und Genf sind überdurchschnittlich stark betroffen in Bezug auf die Anzahl Corona-Fälle und bei der Todesrate. Hat dies aus Ihrer Sicht nur mit der Nähe zu Frankreich und Italien zu tun, wo die Krise zuerst ausbrach, oder gibt es auch kulturelle Gründe?

Peter Rothenbühler: Die Nähe zu den Nachbarländern ist definitiv der Hauptgrund, da täglich zehntausende Personen über die Grenze zur Arbeit fahren. Hinzu kommt aber auch die Disziplin, die zum Beispiel in Genf zu wenig vorhanden war. Viele Leute gingen nach wie vor in die Stadt oder an den See. Hier bei uns im Vallé de Joux gab es relativ viele Fälle, weil es hier viele Evangelikale gibt, die an eine grosse Versammlung in einem Stadion in Mulhouse gingen, als die Krise bereits ersichtlich war. Diese Leute halten sich für tiefgläubige Christen, so wie viele Trump-Wähler, die meinen, sie können das Coronavirus einfach wegbeten.

Die Romands gelten generell als lebensfreudiger, lockerer als die versteiften, trockenen Deutschschweizer. Trifft dieses Klischee für Sie zu?

Zu einem grossen Teil ja. Was mir in der Westschweiz früh auffiel, ist auch, dass alles taktiler ist. Das Bedürfnis nach Berührung ist grösser als in der Deutschschweiz. Man gibt sich häufiger drei Küsschen zur Begrüssung, man streichelt einem Baby viel eher über den Kopf, obwohl man es nicht kennt, und im Supermarkt wird beim Gemüseregal wie wild herumgewühlt, jeder Salatkopf wird mit den Händen angefasst und begutachtet. Es ist ein anderer Lebensstil, der weniger auf Distanz beruht.

Wie machte sich das während Ihrer Arbeit bemerkbar?

Im Welschland gehen die Mitarbeitenden über Mittag richtig essen und lassen sich Zeit. Da darf es auch ein Glas Weisswein geben, wenn auch nicht mehr bereits bei Treffen am Vormittag so wie früher. In der Deutschschweiz holt man sich rasch ein Sandwich im Supermarkt und isst es dann vor dem Computer im Büro.

Eine Umfrage von «20 minutes» hat gezeigt, dass für jeden dritten Romand die Massnahmen des Bundesrates zu wenig weit gehen. In der Deutschschweiz ist es nicht mal jeder fünfte. Überrascht Sie das?

Überhaupt nicht. Auch der Ruf nach Staatshilfe für Firmen ist hier grösser, während in der Deutschschweiz das unternehmerische Denken und das unternehmerische Risiko stärker gewichtet werden.

Peter Rothenbühler ist zweisprachig in Biel aufgewachsen.

Peter Rothenbühler ist zweisprachig in Biel aufgewachsen.

Laut der Umfrage machen sich zudem 58 Prozent der Romands Sorgen, sich mit Covid-19 zu infizieren. Bei den Deutschschweizern sind es nur 40 Prozent. Sind Romands generell ängstlicher?

Ängstlicher? Ich weiss nicht. Aber die Welschen sind meiner Meinung nach wehleidiger. Hier gibt es mehr Fälle von Depressionen und Burnouts. Aber sie sind auch näher am Leben und beanspruchen ein Recht für ein lustvolles Leben. Diese Gefühlswelten machen sich nun in der Krise bemerkbar.

Ist der Wunsch nach einem starken Zentralstaat in der Romandie grösser?

Ich denke schon. Man verlässt sich gerne auf den Staat und erwartet von ihm, dass er alles löst. Auch die Forderung, dass alle Angestellten, die nun Überstunden leisten, nach der Krise mehr Lohn erhalten, wird hier lauter diskutiert als in der Deutschschweiz.

Berichten die Westschweizer Medien anders über die Krise?

Da sehe ich keine grossen Unterschiede. Überall wird mit der gleichen Ausführlichkeit über die Corona-Krise berichtet. Es kommen viele Experten zu Wort. Das ist doch das Fantastische an dieser Krise, sie ist total durchsichtig. Niemand kann «Versteckis» spielen.

Steht das Thema zu stark im Fokus der Berichterstattung?

Nein, die Zeiten haben sich nun mal geändert. Die Leute wollen heute alles wissen. Und wenn die Behörden und Wissenschaftler nicht sofort sagen, was Sache ist, kommen die Informationen über die sozialen Medien an die Öffentlichkeit. Das ist aber gefährlich, da dann Verschwörungstheorien entstehen, die von Politikern für populistische Zwecke ausgenutzt werden können. Deshalb muss die Wahrheit raus, auch in Bezug auf die Fehler, die in China begangen wurden.

In der Deutschschweiz wird Mr. Coronavirus Daniel Koch vom BAG mit seiner gelassenen Art und seinem trockenen Humor fast schon als Kultfigur gefeiert. In der Romandie auch?

Es gab auf jeden Fall auch hier grössere Portraits über ihn, mir scheint, dass er von den Romands geschätzt wird. Es hilft sicher auch, dass er gut Französisch spricht. Bemerkenswert ist auch die Wandlung von Guy Parmelin, über den man auch in der Romandie oft spottete. Er hat definitiv an Statur gewonnen. Anfangs war er ja auf Tauchstation, aber als er dann erklärte, wie der Bundesrat die Wirtschaft retten will, kam er am Fernsehen sehr gut rüber. Er ist jetzt plötzlich ein Staatsmann.

Die Westschweizer Presselandschaft schrumpfte in den letzten Jahren deutlich, nicht zuletzt mit dem Verschwinden von «Le Matin». Droht dem Markt ein weiterer Abbau?

Davon ist leider auszugehen. Denn weil im Konsummarkt momentan nichts läuft, fehlen die Inserate. Da haben alle Verlage grosse Probleme. Wer keine Reserven hat, wird um harte Massnahmen nicht herumkommen. Ironischerweise sind einzig die Leserzahlen kein Problem, im Gegenteil, überall gehen sie nach oben. Das ist immerhin eine Chance für die Medien, um die Leser mit harten Recherchen und erklärenden Stücken längerfristig für ein Abo zu überzeugen. Die Leute sind so scharf auf «hard news» wie noch nie.

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