Romandie-Impfturbo
Genfs Gesundheitsminister übt Kritik an Impf-Verspätungen: Sollte der Bund Moderna und Co. büssen?

Die UNO-Stadt ist derzeit die Nummer 2 der Kantone beim Verabreichen von Covid-19-Impfstoffen. Doch die Kampagne droht wegen Lieferverzögerungen ins Stottern zu geraten. Nun übt ein Staatsrat Kritik - und macht Verbesserungsvorschläge.

Benjamin Weinmann
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Der Genfer Staatsrat Mauro Poggia kritisiert die Impfstoff-Verzögerungen.

Der Genfer Staatsrat Mauro Poggia kritisiert die Impfstoff-Verzögerungen.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Vom Corona-Graben war die Rede. Von unvorsichtigen Romands, insbesondere den Genfern. Als die Pandemie vergangenes Jahr die Schweiz erreichte, tat sie dies zuerst im Westen des Landes. Und auch bei der zweiten Welle schnellten die Fallzahlen in der dichten Rhone-Stadt rasch in die Höhe.

Genf ist schon wieder Spitzenreiter. Doch dieses Mal in Bezug auf die Impfbemühungen. Laut aktuellen BAG-Zahlen sind 10.34 pro 100 Einwohnerinnen und Einwohnern inzwischen vollständig geimpft – nur im Kanton Uri sind es mehr. Zuletzt wurde in der Palexpo-Halle, in der unter anderem der Genfer Autosalon stattfindet, ein Massenimpfzentrum eröffnet.

Nur 8500 statt 18'500 Impfdosen

Doch weil die grossen Impfkonzerne zuletzt Lieferschwierigkeiten oder ungewollte Nebenwirkungen kommuniziert haben, droht auch der Impfturbo Genf ins Stottern zu geraten. Im Interview mit der Genfer Gratiszeitung «GHI» übt der kantonale Gesundheitsdirektor Mauro Poggia nun Kritik. Am Freitag habe er erfahren, dass Genf statt der geplanten 18'500 Dosen nur deren 8500 erhalten würde. Es sei unmöglich, mit solchen Volatilitäten und ohne Planungssicherheit zu arbeiten, sagt Poggia.

Impfen, impfen, impfen! Seit Montag gibt Genf in der Event-Halle Palexpo Vollgas - dort, wo normalerweise der Genfer Autosalon stattfindet.

Impfen, impfen, impfen! Seit Montag gibt Genf in der Event-Halle Palexpo Vollgas - dort, wo normalerweise der Genfer Autosalon stattfindet.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Die Ursache dafür sieht der Genfer Politiker jedoch nicht beim Bundesamt für Gesundheit. Im Gegensatz zu anderen Kantonen fordert er nicht, dass dem Amt die Verantwortung für die Impfstoff-Lieferkette entzogen werden soll. «Das Problem ist nicht die Bundesregierung. Es sind die Pharmakonzerne, die die Lieferfristen nicht respektieren und auf die die Schweiz keinen Einfluss hat.»

«Warum gibt es keine wirtschaftlichen Sanktionen?»

Poggia findet, die Verzögerungen müssten Konsequenzen haben und stellt die Frage in den Raum: «Warum gibt es keine wirtschaftlichen Sanktionen, um die Pharmaunternehmen zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen zu zwingen?» Es gelte, Lehren daraus zu ziehen. Poggia schlägt vor, die künftige Versorgung einem nationalen Labor anzuvertrauen, das unter staatliche Kontrolle gesetzt wird.

Wegen der aktuellen Lieferverzögerungen sei Genf gezwungen, die Anzahl Injektionen zu reduzieren, sagt Poggia gegenüber «GHI». «Dies ist schwer zu akzeptieren.» Könnte Genf andere Kantone um Impfstoffe bitten, die einen Vorrat davon angelegt haben? «Eine Zusammenarbeit zwischen den Kantonen scheint mir in diesem Punkt unmöglich.» Kein Gesundheitsminister werde das Risiko eingehen, seine Impfstoffplanung zu ändern. Gefordert sei hier die Regierung. «Es liegt am Bundesrat, einen besseren Verteilungsschlüssel zu finden zwischen den Kantonen, die Vorräte anlegen, und denen, die wie Genf massiv impfen.»

Impfziel Ende Juni erreicht?

Das BAG habe versprochen, die Lieferungen in den nächsten Wochen wieder auszugleichen, sagt Poggia. «Wir werden sehen.» Und: Wenn Moderna und Pfizer ihre Versprechen einhielten, sei es nach wie vor möglich, die gesteckten Impfziele zu erreichen, so dass alle impfwilligen Einwohner bis Ende Juni geimpft sind.

Dann, so Poggia, könne man durchaus auch wieder Grossveranstaltungen im Sommer ins Auge fassen, so wie dies Bundesrat Alain Berset plant. Möglich wären dann zum Beispiel Fanzonen für die Übertragung der Fussball-EM-Spiele auf dem Genfer Plainpalais-Platz. «Das Leben muss zur Normalität zurückkehren», sagt Poggia. «Aber wir müssen wachsam bleiben.»