Wahlen 2015
Rollen nach der Wahlschlappe nun Köpfe bei GLP und Grünen?

Die Öko-Parteien sind die Verlierer des Wahlsonntags. Was bedeutet das? Um GLP-Präsident Bäumle kursieren Gerüchte.

Antonio Fumagalli
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Regula Rytz (Grüne), Adèle Thorens (Grüne) und Martin Bäumle (GLP).

Regula Rytz (Grüne), Adèle Thorens (Grüne) und Martin Bäumle (GLP).

Keystone

Das Schöne an der prozentualen Verteilung von Wähleranteilen ist: Es geht rechnerisch immer auf. Wie sich diese Anteile dann auf die Sitzverteilung im Nationalrat auswirken, das hingegen scheint keiner mathematischen Logik zu folgen (auch wenn es dies natürlich trotzdem tut). Grund dafür ist das Rundungsprinzip in den zwanzig Kantonen, in denen nach dem Proporzsystem gewählt wird. Die Vergangenheit zeigt, dass grosse Parteien eher davon profitieren. Für die Wahlen 2015 heisst dies: Die SVP erreichte einen Wähleranteil von 29,4 Prozent, sie wird künftig aber 32,5 Prozent der Nationalratssitze – also 65 – beanspruchen dürfen.

Vom System am meisten benachteiligt wurden am Sonntag die beiden Parteien mit dem prononciert ökologischsten Anspruch: die Grünen und die Grünliberalen. Sie verloren zwar verhältnismässig wenig Wähleranteil (Grüne: 1,3 Prozent; GLP: 0,8 Prozent), aufgrund der Sitzverluste haben die beiden grünen Parteien aber dennoch einen rabenschwarzen Sonntag erlebt. Die Grünen verloren 4 ihrer 15, die GLP gar 5 ihrer 12 Sitze.

Wie müde ist Bäumle?

Wenn ein ambitioniertes Fussball-Nationalteam bei der alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft bereits nach der Vorrunde ausscheidet, dauert es in der Regel nicht lange, bis der Kopf des Trainers gefordert wird – und oftmals dann auch fällt. Die politischen Mühlen mahlen langsamer und sind weniger von Emotionen geschürt. Mit anderen Worten: Weder an der Spitze der Grünliberalen noch der Grünen zeichnet sich unmittelbar ein Wechsel ab.

Im Bundeshaus sorgt aber insbesondere das Amt von GLP-Präsident Martin Bäumle für Gesprächsstoff. Ein namentlich nicht genannt sein wollender Parlamentarier geht davon aus, dass der umtriebige Dübendorfer seinen Posten nicht mehr lange innehat. Bäumle mache einen müden und antriebslosen Eindruck – die Wahrscheinlichkeit, dass er nun noch die Bundesratswahlen abwarte und dann zurücktrete, hält der Insider für «deutlich höher als 50 Prozent».

Bäumle selbst hält solche Diskussionen «für kompletten Humbug». Natürlich sei er aufgrund des anstrengenden Wahlkampfs ausgelaugt, weswegen er nun ein paar Tage abtauchen und für Medienanfragen nicht zur Verfügung stehen werde. Aber: «Ich bin und bleibe Präsident», sagt der GLP-Mitgründer, der nach einem Herzinfarkt im Frühling 2014 sein Arbeitspensum reduziert hat. Er sei weiterhin «topmotiviert», die Partei aus dem «Zwischentief» zu führen.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es offenbar bereits einmal Misstöne rund um die GLP-Spitze. Dem Vernehmen nach forderten Westschweizer Parteivertreter nach der historischen Abstimmungsschlappe vom letzten März intern den Rücktritt des Präsidenten. Bäumle stellt auch das in Abrede. Dass es nach einer Niederlage Kritik gebe, sei normal. Er habe aber zu jedem Zeitpunkt den Rückhalt seiner Partei gespürt – was bis heute der Fall sei, so der 51-Jährige.

Co-Präsidentin noch nicht gewählt

Auch an der Spitze der Grünen könnte die Stimmung besser sein. Co-Präsidentin Adèle Thorens ist noch nicht einmal als Nationalrätin bestätigt – sie figuriert im Kanton Waadt auf dem ersten Ersatzplatz und dürfte nach der zu erwartenden Ständeratswahl des Grünen Luc Recordon nachrutschen. Die Präsidentin für die Deutschschweiz, Regula Rytz, wurde im Kanton Bern zwar problemlos gewählt. Aber auch sie muss sich nach der sonntäglichen Schlappe Gedanken um die Zukunft der Partei machen. «Es gibt nun viele Entscheidungen, die drängen – die Personalpolitik gehört nicht dazu», sagt Rytz. Ein Rücktritt sei kein Thema, die Parteileitung habe einen starken Rückhalt bei den Mitgliedern. «Unsere Devise ist deshalb: Jetzt erst recht!»

Wie eine kurze Umfrage unter den verbleibenden Fraktionsmitgliedern ergibt, scheint das Führungs-Duo in der Tat noch breit abgestützt. «Ich sehe keinerlei Anzeichen von Amtsmüdigkeit», sagt der Zürcher Balthasar Glättli, der im Fall eines Wechsels an der Parteispitze wohl selbst als Nachfolger gehandelt würde. Dass Rytz das provokative Auftreten von anderen Präsidenten abgehe, sei kein Nachteil – im Gegenteil. «Ich habe im Wahlkampf viele positive Reaktionen zu ihrer Person erhalten. Die Leute auf der Strasse sagten mir, es sei wohltuend, wenn mal eine Politikerin nicht dem Vorurteil von Politikern entspreche», so Glättli.