Herr Nordmann, was ist Ihnen lieber: Jahrtausende strahlender Atommüll oder der CO2-Ausstoss neuer Gaskraftwerke?

Roger Nordmann: Weder noch. Wir wollen eine Stromversorgung, die hauptsächlich aus erneuerbaren Quellen stammt. Das ist möglich, und es ist längerfristig die günstigste Alternative. Darin sollte man investieren, nicht in den Bau neuer Gaskombikraftwerke.

Sie wollen den Fünfer und das Weggli: keine Atom-, aber auch keine Gaskraftwerke. Das geht aber offenbar nicht, wenn man den Prognosen des Bundes Glauben schenkt.

Die Prognosen des Bundes haben einen eklatanten Mangel: Die Entwicklung der erneuerbaren Energien, gerade jene der Sonnenenergie, wird stark unterschätzt. Hinzu kommt, dass wir den Stromverbrauch insgesamt durch Effizienzmassnahmen stabilisieren können. Das Ziel muss sein, künftig weniger oder zumindest gleich viel Strom wie heute zu verbrauchen. Diese kombinierte Strategie mit Erneuerbaren und Effizienzmassnahmen wird am Ende weit günstiger sein, als wenn wir weiter auf fossile Brennstoffe setzen. Denn die Primärenergie von Sonne, Wasser und Wind ist gratis, Gas muss teuer bezahlt werden.

Gerade im Bereich Wasserkraft werden aber viele Projekte von Umweltschutzorganisationen blockiert.

Auch ich finde die Haltung solcher Organisationen nicht immer richtig. Natürlich gibt es gute und weniger gute Wasserkraftprojekte. Generell gilt: Je grösser ein Projekt ist, desto besser. Denn auf diese Weise können die Einschnitte in die Natur auf ein Minimum beschränkt werden, anstatt die ganze Landschaft mit vielen kleinen Wasserkraftwerken zuzubetonieren.

Aber wie sollen die energieintensiven Wintermonate überbrückt werden?

Wir sprechen von etwa drei Monaten im Jahr, die kritisch sind. In dieser Zeit wird viel geheizt, und diese Energie kann durch Wärmekraftkoppelung optimal genutzt werden. Ausserdem ist es wichtig, dass die Elektroheizungen ersetzt werden. Denn auf deren Konto geht ein Sechstel des Stromverbrauchs im Winter.

Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, dass der Atomausstieg auch ohne zusätzliches CO2 geschafft werden kann. Nur, wie soll das finanziert werden?

Die Frage muss umgekehrt gestellt werden. Die Atomenergie und der Verbleib in der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen kostet uns auch sehr viel. Wir bezahlen jährlich 13 Milliarden Franken für den Import von Gas und Öl. Und die Preise steigen. Langfristig ist es also sicher günstiger, auf kostenlose, erneuerbare Energiequellen zu setzen.

Berappen müssen die Energiewende sowieso die Stromkonsumenten über höhere Preise. Ist das zumutbar?

Wenn wir zwei neue Atomkraftwerke gebaut hätten, hätte sich das sicherlich auch im Strompreis niedergeschlagen. Es streitet niemand ab, dass der Strom rund 15 Prozent teurer wird. Aber das ist bei allen Szenarien so, ob wir jetzt beim Atomstrom bleiben, ob wir Gaskraftwerke bauen oder ob wir auf erneuerbare Energien setzen.

Vier bis sieben Gaskraftwerke sollen bis 2050 finanziert und gebaut werden. Sind solche Prognosen überhaupt seriös? Immerhin ist der Marktpreis von Gas unberechenbar und kann sich rasch verdoppeln oder auch halbieren.

Eine Halbierung des Gaspreises halte ich für ziemlich unrealistisch, denn auch das Gas wird knapp. Umso mehr sollten wir uns nicht in eine neue Abhängigkeit von Gaslieferanten wie Russland begeben.