Man ist sich von Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der «Weltwoche» sowie best gewähltem SVP-Nationalrat aller Zeiten, ja einiges an grenzwertiger Provokation gewohnt: Sepp Blatter als «Schweizer des Jahres» auf dem Titelblatt seines konsequent nonkonformistischen Magazins, Aussagen über Flüchtlinge jenseits der politischen Korrektheit in deutschen Talk-Shows, polemisierender Dauergast bei Kollege Roger Schawinski im Schweizer Fernsehen.

Mit seinem jüngsten Editorial in der neusten Ausgabe seines Blattes schlägt der aufstrebende SVP-Politiker freilich ein neues Kapitel auf. Salbungsvoll nimmt sich der lizenzierte Historiker Köppel Reichsfeldmarschall Hermann Göring, Nummer zwei im nationalsozialistischen Deutschland, an. Basierend auf seiner Ferienlektüre – eine 40 Jahre alte Biografie Görings aus der Feder des britischen Journalisten Leonard Mosley – formuliert der Zürcher Nationalrat Sätze wie diese: «Irgendetwas muss der noch kaum arrivierte, blauäugige Göring gehabt haben», schreibt Köppel, den jungen Schürzenjäger bewundernd, der sich eine «bildhübsche» schwedische Gräfin geangelt hatte. Der blitzintelligente Göring sei «weder Monster noch Teufel» gewesen und wie viele Deutsche tragischerweise der Faszination Hitler erlegen. Dass er Qualitäten gehabt habe, seien sich nach dem Krieg selbst seine Gegner gewahr geworden, betet Köppel die These des Göring-Biografen erstaunlich unreflektiert nach.

Kriegsverbrecher Göring

Erstaunlich an Roger Köppels Elaborat ist zuerst einmal dessen Geschichtsblindheit. Hermann Göring war gewiss überdurchschnittlich intelligent und wie alle Menschen nicht einfach nur schlecht. Doch über den Feldmarschall zu schreiben, ohne zu erwähnen, dass er es war, der den Bau von Konzentrationslagern für politische Gegner entscheidend vorantrieb, dass er es war, der die Geheime Staatspolizei (Gestapo) gründete, welche mit brutalen Methoden Regimekritiker beseitigte, dass er es war, der die massenweise Ermordung einstiger Weggefährten in der Nacht der langen Messer 1934 orchestrierte, dass er es war, der die Enteignung deutscher Juden nach der Reichskristallnacht 1938 inszenierte und dass er es war, der Befehle zur «Endlösung der Judenfrage» und zur Aushungerung osteuropäischer Völker gab, ist eine grobe Unterlassungssünde. Die Liste von Görings Verstrickungen in die Gräueltaten der Nationalsozialisten liesse sich beliebig erweitern: Im «Weltwoche»-Editorial steht davon kein einziges Wort.

Opfer seines Nimbus

Erstaunlich ist auch, dass Köppel Göring-Biograf Mosley für den nüchternen Zugang zum Thema lobt. Dieser habe den Stoff nicht für «rückwirkende moralische Selbstprofilierungen missbraucht», so Köppel. Der Autor versuche einfach, Göring zu verstehen, ohne ihn zu rechtfertigen. Offenbar ist an Köppel vorbeigegangen, dass jeder Historiker, der sich als Wissenschafter und nicht als Politiker versteht, sich einer vergleichbaren Distanz zum Forschungsgegenstand befleissigt. So hat etwa der brillante britische Historiker Ian Kershaw in zwei monumentalen Werken Adolf Hitler beschrieben, ohne in jedem zweiten Satz zu betonen, wie unmenschlich dieser gewesen sei.

Bleibt die Frage, was Köppel erreichen wollte – ausser der ewigen Provokation um der Provokation willen? Möglicherweise nichts. Möglicherweise ist er schlicht Opfer seines eigenen Nimbus geworden. Es ist der Nimbus des ewigen Aufstiegs, des permanenten Erfolgs, der persönlichen Überlegenheit. Eine spitze Feder, ausgestattet mit überdurchschnittlicher Intelligenz, versehen mit einem publizistisch-politischen Freipass der obersten Parteileitung, bestärkt durch sein persönliches Traumresultat bei den Nationalratswahlen im Oktober, darf er schreiben, wie ihm beliebt. Vorgestern über SVP-Abweichler, gestern über kriminelle Ausländer und heute über Hermann Göring. Erstere sind zu disziplinieren. Zweitere dringend auszuschaffen. Und der dritte war gar nicht so monströs, wie überall erzählt wird.