Zwischen den zwei grössten Schweizer Medienhäusern bahnt sich ein Deal von grosser Tragweite an. Gemäss Recherchen der «Nordwestschweiz» verhandeln die CEOs der Zürcher Verlage Ringier und Tamedia über einen Tausch ihrer Beteiligungen an den Westschweizer Tageszeitungen «Le Temps», «Le Matin» sowie dem Internetportal «LeMatin.ch». Die Tamedia will ihre heutige Beteiligung an «Le Temps» von 46,2 Prozent ausbauen und die 46,2 Prozent übernehmen, die heute Ringier gehören. Ringier will sich im Gegenzug die Boulevardzeitung «Le Matin» einverleiben, die sich seit dem Verkauf des Verlags Edipresse zu hundert Prozent im Besitz der Tamedia befindet.

Nicht Gegenstand der Verhandlungen zwischen Ringier-Chef Marc Walder und Tamedia-CEO Christoph Tonini ist «Le Matin Dimanche». Das Sonntagsblatt soll unabhängig vom Ausgang der Gespräche in Tamedia-Händen bleiben.

Synergien im Anzeigengeschäft

Offiziell bestätigen wollen die Konzerne die gemeinsamen Pläne nicht. Ringier schreibt auf Anfrage: «Wir prüfen laufend neue, interessante Geschäftsopportunitäten – kommentieren aber keine Branchengerüchte.» Fast gleich lautet die Stellungnahme von Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer: «Wir diskutieren laufend mit unterschiedlichsten Partnern über eine Vielzahl von Ideen. Gerüchte kommentieren wir jedoch nicht.»

Hinter dem Zeitungstausch stehen dem Vernehmen nach auch finanzielle Überlegungen. So rechnet Ringier mit Synergien im Anzeigengeschäft, wenn «Blick» und «Le Matin» gemeinsam vermarktet werden. Aber auch redaktionell könnten die Titel zusammenarbeiten, vor allem bei der Sportberichterstattung.

Sowohl «Le Temps» als auch «Le Matin» haben mit Inserate- und Auflagenschwund zu kämpfen. 2012 hatte «Le Matin» noch eine Auflage von 55'000 Exemplaren – fast ein Drittel weniger als sieben Jahre davor. «Le Temps» druckte im letzten Jahr 41'000 Exemplare täglich – zwölf Prozent weniger als 2005.

«Publizistische Widerhaken»

Der emeritierte Medienwissenschaftsprofessor Roger Blum sieht den geplanten Deal kritisch: «Es ist grundsätzlich heikel, wenn Deutschschweizer Verlage von Zürich aus über die Zukunft von Westschweizer Publikationen entscheiden.»

Blum räumt aber ein, dass die Boulevardzeitung «Le Matin» gut in das Zeitungsportfolio von Ringier passen würde. Er verstehe auch, warum der Tamedia-Verlag die Mehrheit von «Le Temps» übernehmen möchte: «Ökonomisch-strategisch macht der Tausch wahrscheinlich Sinn. Publizistisch und psychologisch gibt es aus Westschweizer Sicht mehr als einen Widerhaken.»

Kommt der Tausch zustande, wäre es der zweite grosse Deal zwischen Ringier und Tamedia innert eines Jahres. Im vergangenen Herbst erwarben die zwei Verlage gemeinsam die Aktien des Stellenportals «Jobs.ch» für 390 Millionen Franken.