Bevor es an die Wahl ihrer Nachfolgerin ging, gehörte die Bühne gestern noch einmal Doris Leuthard. «Als Grande Dame» würdigte sie Nationalratspräsidentin Marina Carobbio, dann applaudierte die Vereinigte Bundesversammlung so lange, dass Leuthard irgendwann klarmachen musste, dass es nun genug sei.

Viola Amherd, die Frau, die Leuthard bald als Bundesrätin beerben wird, sass da noch auf ihrem Platz im Nationalrat. Und bekam vorgeführt, welch grosse Fussstapfen sie auszufüllen hat.

Leuthard war eine populäre Bundesrätin, und das war für ihre Partei eine gute Sache; sie war das Gesicht, das die Leute mit der CVP verbanden. Doch auch die Aargauerin konnte den Niedergang ihrer Partei nicht stoppen. Niemand hat in den Kantonen seit 2015 mehr Sitze verloren. Und auch auf nationaler Ebene tut sich die Partei schwer. Bei den letzten Wahlen erreichte sie noch einen Wähleranteil von 11,6 Prozent; die Tendenz ist laut Umfragen weiter sinkend.

Von den Hearings bis zur Vereidigung – die Bundesratswahl in Bildern: 

«Es gibt keine zweite Leuthard»

Nun stehen die nächsten eidgenössischen Wahlen vor der Tür. Und für die CVP sitzt fortan Viola Amherd im Bundesrat. Die Zukunft der CVP hängt jetzt auch von der Walliserin ab. Denn wenn die Partei weiter Wähler verliert, gerät ihr Bundesratssitz in Gefahr.

Amherd erzielte gestern ein Glanzresultat, sie fertigte Heidi Z’graggen im ersten Wahlgang deutlich ab. Und erhielt mit 148 Stimmen fast gleich viele wie Karin Keller-Sutter, die als haushohe Favoritin ins Rennen um den FDP-Sitz gestartet war.

Die 56-jährige Walliserin gilt als kompetent und fleissig, und sie punktete gestern bei ihren ersten Medienauftritten als frisch vereidigte Bundesrätin mit ihrer Authentizität. Die Strahlkraft Leuthards geht der Walliserin aber ab. Die Frage ist nun, wie die CVP das im anstehenden Wahljahr verkraften wird.

Ihre Parteikollegen stärkten Amherd gestern demonstrativ den Rücken. «Es gibt keine zweite Doris Leuthard, aber natürlich kann Amherd sie auf ihre Art ersetzen», sagte etwa die Thurgauer Ständerätin Brigitte Häberli-Koller.

«Ein Apéro heute Abend liegt drin»

«Ein Apéro heute Abend liegt drin»

Viola Amherd tritt zum ersten mal als neu gewählte Bundesrätin vor die Medien. Dabei verrät sie auch, warum sie Karin Keller-Sutter nicht gewählt hat.

So oder ähnlich äusserten sich gestern viele CVP-Parlamentarier. Parteipräsident Gerhard Pfister plädierte dafür, der neu gewählten Bundesrätin Zeit zu geben. «Doris Leuthard war am Anfang auch nicht die Doris Leuthard von heute», sagte der Zuger. Er sei überzeugt, dass Amherd die Fussstapfen ihrer Vorgängerin ausfüllen werde.

Das gute Ergebnis von Amherd legt nahe, dass sie auch in ihrer eigenen Fraktion den Löwenanteil der Stimmen machte. Jene von Präsident Pfister dürfte aber nicht darunter gewesen sein. Der Zuger wollte gestern nicht verraten, wen er gewählt hatte, «als Parteipräsident hat man objektiv zu sein», sagte er. Aber auch, dass er sich über eine Zentralschweizer Vertretung gefreut hätte. Und man nur einen Namen auf den Stimmzettel schreiben könne.

Marina Carobbio Guscetti: «Doris Leuthard wurde nie emotional»

Marina Carobbio Guscetti: «Doris Leuthard wurde nie emotional»

Doris Leuthard beweist während der Rede der Nationalratspräsidentin, dass sie den Sinn für Humor auch bis zur Verabschiedung nicht verloren hat.

Zwei, die sich finden müssen

Dass Amherd und Pfister politisch unterschiedlich ticken, ist hinlänglich bekannt. Die Walliserin gehört zum linken Flügel der Partei, gerade in gesellschaftspolitischen Fragen ist sie liberaler als Pfister. Diese Zusammenarbeit werde für die Partei «eine Herausforderung», prognostiziert Joachim Eder, Zuger FDP-Ständerat.

Und auch aus der CVP gibt es Stimmen, die sagen, dass die beiden sich finden müssten. Der Präsident selbst betonte gestern immerzu, dass es zwischen ihm und Amherd keine Probleme gäbe. Dass er schon «sehr gut» mit der Walliserin, die bis anhin Vizefraktionschefin der Partei war, zusammengearbeitet habe. Und diese keineswegs eine «linke CVPlerin» sei.